Iwan Dmitrijew, junge Günstlinge und gleichgeschlechtliches Begehren in den Fabeln „Die zwei Tauben“ und „Die zwei Freunde“

Freund von Karamsin und Dershawin, Justizminister und Verfasser von Fabeln, in denen Freundschaft zu Männerliebe wird.

Inhalt
Serie 🇷🇺 LGBT-Geschichte Russlands
Iwan Dmitrijew, junge Günstlinge und gleichgeschlechtliches Begehren in den Fabeln „Die zwei Tauben“ und „Die zwei Freunde“

Iwan Iwanowitsch Dmitrijew (1760–1837) ist als bedeutender sentimentalistischer Dichter an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in die Geschichte eingegangen und zugleich als Staatsmann, der es bis zum Justizminister unter Kaiser Alexander I. brachte.

In den offiziellen Biographien erscheint er als strenger und rationaler Verwalter. Jedoch weisen Quellen und Memoiren darauf hin, dass ihn regelmäßig junge, begabte Männer umgaben. Sein Junggesellendasein, Gerüchte über die Art seiner Zuneigungen und das Fehlen öffentlicher Skandale ergeben das Bild eines Menschen, dessen Privatleben vor der Öffentlichkeit geschützt wurde, sich aber dennoch in indirekten Zeugnissen ablesen lässt.

Dmitrijew war zudem als Literat und Übersetzer bekannt, der in den adligen Kreisen viel gelesen wurde. In seinen Übersetzungen wich er häufig vom Ausgangstext ab. Besonders aufschlussreich ist das Jahr 1795: Bei der Übersetzung zweier Fabeln des französischen Fabeldichters Jean de La Fontaine — „Die zwei Tauben“ und „Die zwei Freunde“ — veränderte Dmitrijew das Original und verwandelte Handlungen über Freundschaft faktisch in Werke mit einem spürbaren homoerotischen Subtext (die vollständigen Texte beider Fabeln finden sich am Ende des Artikels).

Biographie und historischer Kontext

Iwan Dmitrijew entstammte einem alten Adelsgeschlecht, das seine Herkunft von den Fürsten von Smolensk ableitete. Seine Mutter gehörte der wohlhabenden Familie Beketow an. Der künftige Dichter wurde am 21. September 1760 auf dem väterlichen Gut Bogorodskoje bei Sysran geboren. Seinen ersten Unterricht erhielt er zu Hause, dann verbrachte er einige Jahre in einer privaten Pension in Simbirsk und setzte anschließend seine Ausbildung unter der Leitung seines Vaters fort.

Unter den in der Jugend gelesenen Büchern beeinflusste Dmitrijew besonders der Roman des französischen Schriftstellers Abbé Antoine François Prévost Die Abenteuer des Marquis G. (Mémoires et aventures d’un homme de qualité). Da der fünfte und sechste Band in russischer Übersetzung nicht bis nach Simbirsk gelangten, wandte sich der junge Mann dem französischen Original zu: Zunächst las er mit einem Wörterbuch, dann beherrschte er die Sprache nach und nach fließend.

Sein Heranwachsen fiel in eine schwierige historische Periode. Während des Pugatschow-Aufstands von 1773–75 verließ die Familie das Gut und zog nach Moskau. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen den Vater, seine Söhne in den Militärdienst zu geben. 1772 wurde Dmitrijew als Gemeiner in das Leibgarde-Regiment Semjonowski eingeschrieben — einen privilegierten Teil der russischen Armee, der unter anderem höfische Aufgaben erfüllte. Später brachte der Vater Dmitrijew nach Sankt Petersburg, wo dieser die Regimentsschule absolvierte und seine ersten Offiziersränge erhielt.

Dmitrijews Dienst im Semjonowski-Regiment schlug sich in den Memoiren seiner Zeitgenossen nieder. Der Memoirenschreiber Filipp Filippowitsch Wigel (1786–1856) hinterließ in seinen Aufzeichnungen folgende Charakteristik über ihn:

„Als bei der Thronbesteigung Paul seinen Erben [Alexander] zum Chef des Semjonowski-Regiments machte, war Iwan Iwanowitsch Dmitrijew darin Hauptmann. Seine männliche Schönheit beeindruckte den jungen Mann; sein Witz unterhielt und fesselte die Regimentskameraden, während zugleich eine gewisse natürliche Würde in seiner Gegenwart übermäßige Ausbrüche ihrer Heiterkeit im Zaum hielt: Sie genossen ihn mit ehrfürchtigem Entzücken.“

— Filipp Wigel, „Aufzeichnungen“

Dmitrijews literarische Begabung zeigte sich früh. 1777 begann er unter dem Einfluss des Journalisten und Verlegers Nikolai Iwanowitsch Nowikow vorwiegend satirische Verse zu schreiben (einen Teil der frühen Versuche vernichtete er später). 1783 lernte Dmitrijew seinen entfernten Verwandten, den künftigen Schriftsteller und Historiographen Nikolai Michailowitsch Karamsin kennen, der bald sein enger Freund wurde.

Ende der 1780er-Jahre fand Dmitrijew festen Anschluss an die literarischen Kreise: Er näherte sich dem Dichter Gawriil Romanowitsch Dershawin an, lernte den Dramatiker Denis Iwanowitsch Fonwisin und andere Literaten kennen. 1791 veröffentlichte Karamsin Dmitrijews reife Werke im Moskauer Journal. Darunter stach das Lied „Golubok“ („Es seufzt das graue Täubchen“) hervor, das rasch populär wurde und bald eine musikalische Bearbeitung erhielt.

▶️ „Es seufzt das graue Täubchen“ (YouTube)

Dmitrijews Haus wurde zum Treffpunkt junger Autoren. Dort verkehrte der angehende Schriftsteller Iwan Andrejewitsch Krylow. Nachdem Dmitrijew dessen erste Texte aufmerksam gelesen hatte, wies er ihn auf die passendste Richtung hin und bemerkte, dass die Fabeln seine wahre Berufung seien. Danach arbeitete Krylow beständig im Fabelgenre. Später, 1809, half Dmitrijew dem jungen Alexander Sergejewitsch Puschkin bei der Aufnahme in das Lyzeum von Zarskoje Selo.

Auch Dmitrijews Beamtenlaufbahn verlief erfolgreich. 1806 übernahm er auf Einladung Kaiser Alexanders I. das Amt eines Senators, und 1810 wurde er zum Justizminister ernannt. In diesem Amt bemühte sich Dmitrijew um die Ordnung des Justizsystems: Er verringerte die Zahl der Gerichtsinstanzen und arbeitete an einer Beschleunigung der Geschäftsgänge. Da er sich streng an die Dienstvorschriften hielt und höfische Intrigen mied, geriet er nicht selten in Konflikte mit einflussreichen Beamten. Ständige Beschwerden führten 1814 zu seiner Entlassung, die Alexander I. mit sichtbarem Bedauern annahm.

Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst ließ sich Dmitrijew in Moskau nieder, unweit der Patriarchenteiche. Dort leitete er eine Kommission zur Unterstützung der Stadtbewohner, die durch den Moskauer Brand von 1812 geschädigt worden waren. Für diese Arbeit erhielt Dmitrijew den Rang eines Wirklichen Geheimrats und den Wladimirorden erster Klasse. Damit war seine Staatslaufbahn faktisch beendet.

Die Zeitgenossen bemerkten an ihm eine Verbindung von Strenge und typisch herrschaftlichem Lebensstil. Derselbe Wigel schrieb:

„Wie bei jedem ungewöhnlichen Menschen gab es in ihm viele Gegensätze: Alles an ihm war abgemessen, korrekt, ordentlich, ja geradezu steif, wie bei einem Deutschen; und doch waren seine Gewohnheiten und sein Geschmack ganz die eines russischen Gutsherrn (Barin): Kwas, Piroggen und vor allem Himbeeren mit Sahne waren sein Genuss. Er liebte auch Spaßmacher, aber in diese Rolle beförderte er gewöhnlich aufgeblasene Verseschmiede. Viele hielten ihn für einen Egoisten, weil er Junggeselle war und kühl wirkte. Er liebte wenige, aber liebte sie glühend; den Übrigen wünschte er stets Gutes — was kann man mehr von einem Menschenherzen verlangen?“

— Filipp Wigel, „Aufzeichnungen“

Dmitrijew war nie verheiratet. 1801 bereitete er sich ernsthaft auf eine Ehe mit Anna Lwowna Puschkina (der Tante Alexander Puschkins) vor, doch die Hochzeit fand nicht statt. Die verhinderten Eheleute bewahrten ein herzliches Verhältnis und wurden später durch Patenschaft verwandt. Im Übrigen wurde das Privatleben des Dichters sorgfältig vor der Öffentlichkeit verborgen.

In seinen letzten Jahren verließ er Moskau kaum noch: Er überarbeitete frühe Werke und schrieb seine Memoiren Blick auf mein Leben. Iwan Dmitrijew starb am 15. Oktober 1837 und wurde auf dem Friedhof des Donskoi-Klosters beigesetzt.

„Porträt von I. I. Dmitrijew“, Dmitri Lewizki, 1790er-Jahre.
„Porträt von I. I. Dmitrijew“, Dmitri Lewizki, 1790er-Jahre.

Mögliche Homosexualität Dmitrijews

In der Epoche Alexanders I. bestand in der gehobenen Gesellschaft eine verborgene Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Öffentlich diskutierte man nicht darüber, doch in privaten Gesprächen wusste man davon. Diese Toleranz erklärte sich weitgehend durch ein rechtliches Vakuum: Der noch unter Peter I. eingeführte Militärartikel bestrafte Sodomie streng, doch diese Norm wurde ausschließlich auf Militärangehörige angewandt, um die Disziplin in der Armee aufrechtzuerhalten. Ein weltliches Gesetz, das private, einvernehmliche homosexuelle Kontakte von Zivilisten verfolgt hätte, existierte im damaligen Russischen Kaiserreich nicht. Die Lage änderte sich erst 1832, als Kaiser Nikolaus I. das „Gesetzbuch der Kriminal- und Korrektionsstrafen“ bestätigte, dessen Artikel 995 erstmals einvernehmliche Sodomie für alle Stände kriminalisierte.

Dank dieses Fensters der juristischen Unsichtbarkeit genoss die Aristokratie das Recht auf Unantastbarkeit des Privatlebens. Im hauptstädtischen Milieu verbanden sich gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht selten mit Patronage. Einflussreiche Würdenträger scharten Kreise talentierter junger Männer um sich und sicherten ihnen einen rasanten Aufstieg im Dienst. So schrieben Zeitgenossen dem Minister für geistliche Angelegenheiten und Volksaufklärung, Fürst Alexander Nikolajewitsch Golizyn, offen homosexuelle Neigungen zu.

Alexander Golizyn: Ein Homosexueller an der Spitze von Kirche und Bildung im Russischen Kaiserreich

Nach den Zeugnissen der Zeitgenossen zu urteilen, handelte Dmitrijew ähnlich. Während seiner Leitung des Justizministeriums war er meist von jungen und attraktiven Assistenten umgeben. Das ausdrucksstärkste Zeugnis hinterließ Wigel. Als er die ersten Wochen Dmitrijews im Amt beschrieb, merkte er an:

„Noch kein Monat war vergangen, seit Dmitrijew zum Justizminister ernannt worden war und bald in Petersburg eintraf; und er traf nicht allein ein, sondern brachte eine zwar kleine, aber auserlesene Schar mit sich. Drei Jünglinge begleiteten ihn — Milonow, Grammatik und Daschkow; die beiden ersten waren eben erst Dichter, und der letzte war alles, was er nur zu sein wünschte.“

— Filipp Wigel, „Aufzeichnungen“

Unter der erwähnten „auserlesenen Schar“ befanden sich der achtzehnjährige elegische Dichter Michail Wassiljewitsch Milonow und der Philologe Nikolai Fjodorowitsch Grammatin (in den Ausgaben von Wigels Memoiren wurde sein Nachname oft als „Grammatik“ entstellt).

Der Dritte, der einundzwanzigjährige Dmitri Wassiljewitsch Daschkow, wurde 1810 aus dem Moskauer Archiv nach Petersburg unter die direkte Leitung Dmitrijews versetzt. Die Beziehung zwischen dem älteren Mentor und dem jungen Assistenten stellte ein Beispiel für einen homosozialen Karriereaufstieg dar, der auf intellektueller und möglicherweise emotionaler Nähe beruhte. Später wurde Daschkow einer der Gründer der literarischen Gesellschaft „Arsamas“ und wiederholte in den Jahren 1832–39 den Weg seines Gönners, indem er das Amt des Justizministers übernahm.

Zeugnisse Dmitrijews selbst oder Dokumente, die seine homosexuellen Verbindungen eindeutig bestätigen würden, sind nicht erhalten geblieben. Die zahlreichen Erwähnungen der Zeitgenossen lassen jedoch homoerotische Neigungen bei ihm vermuten. In einer anderen Episode führt Wigel eine Geschichte an, die zeigt, wie unwahrscheinlich der Petersburger Gesellschaft der Gedanke an eine Liebesbeziehung des Ministers zu einer Frau erschien:

„Dmitrijew war ein Freund Sewerins und mehr noch seiner Frau, die weit klüger und gebildeter war als ihr Mann. Daraus schloss man, er sei ihr Liebhaber, und schrieb ihm sogar Vaterrechte an dem von ihr geborenen Sohn zu, obwohl sie bucklig und ein wahres Ungeheuer war. Das war eine glatte Lüge, keine Verleumdung: denn niemand dachte daran, Dmitrijew für ein solches galantes Abenteuer zu verurteilen.“

— Filipp Wigel, „Aufzeichnungen“

Dieses Fragment spiegelt eine gefestigte Vorstellung wider: Gerüchte über Dmitrijews Verbindungen zu Männern erschienen seinen Zeitgenossen weitaus glaubwürdiger als Klatsch über eine Affäre mit der Frau des Diplomaten Dmitri Petrowitsch Sewerin.

Gleichgeschlechtliches Begehren in Dmitrijews Poetik

Die Hauptquelle für Informationen über eine mögliche Homosexualität Dmitrijews sind seine eigenen Texte.

In den meisten Gedichten wahrte der Dichter ein äußerlich makelloses Bild und folgte den Normen des Sentimentalismus. Sein lyrisches Ich sehnte sich gewöhnlich nach einer konventionellen Herzensdame, die meist Chloe oder Phyllis hieß. An sich spricht dies nicht für Heuchelei: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ein Doppelleben als weit verbreitetes Phänomen wahrgenommen.

Der russische Sentimentalismus mit seiner programmatischen Betonung von außergewöhnlicher Empfindsamkeit, Melancholie und äußerster Aufmerksamkeit für die feinsten Regungen der Seele schuf eine Sprache, die es erlaubte, nicht-normative Emotionen zu artikulieren. Im Rahmen dieser Ästhetik wurde die emotionale Exaltation in den Beziehungen zwischen Männern von der Gesellschaft als Zeichen einer kultivierten Natur akzeptiert.

Übersetzte Literatur wurde nicht selten zu einem legalen Mittel, um unterdrücktes gleichgeschlechtliches Begehren auszudrücken. Da sie Französisch und Deutsch beherrschten, konnten Vertreter der russischen Elite eigene Bedeutungen in die Übersetzung einfließen lassen und sie hinter dem autoritativen Original verbergen.

Der Übersetzungswissenschaftler Sergei Tjulenew (Sergey Tyulenev) verglich in seiner Studie „Übersetzen als Schmuggel“ (Translation as Smuggling) die Übersetzungen von Dmitrijews Fabeln mit dem heimlichen Schmuggel verbotener Waren. Äußerlich wirken solche Texte zurückhaltend, aber im Inneren enthalten sie neue sinnhafte Akzente.

Dmitrijew, den seine Zeitgenossen respektvoll den „russischen La Fontaine“ nannten, griff aktiv in das Material ein: Er verteilte Intonationen neu, änderte Bilder und fügte seine eigene Haltung zum Geschehen hinzu. Dabei blieb er scheinbar im Schatten, doch ein aufmerksamer Leser konnte die Präsenz des Autors in der Stilistik und der Wahl der Details spüren.

Die Welt von Dmitrijews Werken ist fast vollständig von männlichen Figuren bevölkert. Dies fällt besonders in Texten auf, in denen der Autor in der Wahl seiner Helden frei ist. Zum Beispiel stützt er sich in der Nachahmung „Golubok“ auf den antiken Dichter Anakreon, der unter anderem über die Liebe zwischen Männern schrieb. Die Berufung auf die antike Tradition diente als verlässliche intellektuelle Deckung. Der Held des Gedichts unterhält sich mit einem Täubchen und nennt es „schön“ und „duftend wie eine Rose“. Der Vogel erzählt, dass er Briefe vom Dichter an dessen geliebten Knaben Bathyllos (Bathyllos) trägt. Die Taube gesteht, dass sie keine Freiheit wünscht und lieber bei ihrem Herrn bleiben möchte. Die einzige weibliche Figur im Text — Venus — fungiert als abstraktes mythologisches Symbol der Liebe.

Ein weiteres häufiges Motiv des Sentimentalismus war der Kult der Männerfreundschaft, die als spirituell galt und oft über die heterosexuelle Liebe gestellt wurde. Dieses Motiv nutzte Dmitrijew in der Überarbeitung des Fragments „Liebe und Freundschaft“ aus dem Epos des schottischen Schriftstellers James Macpherson. Die Handlung beschreibt zwei Jünglinge, die in dasselbe Mädchen verliebt sind. Im Finale wählen die Freunde den gemeinsamen Tod und beweisen damit, dass ihre Verbundenheit zueinander stärker ist als die Liebe zu einer Frau.

Trotz des öffentlichen Festhaltens an einem heterosexuellen Image gibt es in Dmitrijews Werk zwei Texte, die einem offenen Ausdruck von Gefühlen sehr nahe kommen — dies sind seine überarbeiteten Fabeln La Fontaines „Die zwei Tauben“ und „Die zwei Freunde“. Während es sich beim französischen Autor um Geschichten über klassische Freundschaft handelt, erhalten sie bei Dmitrijew eine spürbare homoerotische Färbung und verwandeln sich in Texte über romantische männliche Verbundenheit.

Die Fabel „Die zwei Tauben“ mit homoerotischem Subtext

Dmitrijews Fabel „Die zwei Tauben“ (1795) ist eine Übersetzung von La Fontaines Text Les Deux Pigeons. Die Figur des französischen Fabeldichters wurde mit der Philosophie der Freidenker assoziiert, die Freiheit schätzten und soziale Konventionen kritisierten. Dmitrijew übersetzte nur einige Fabeln La Fontaines.

Die Handlung von „Die zwei Tauben“ ist folgende: Zwei Tauben leben seit Langem zusammen und sind stark aneinander gebunden. Eine ermüdet das eintönige Leben, und sie begibt sich auf eine Reise. Die andere versucht erfolglos, sie zurückzuhalten, da sie die Trennung fürchtet. Bald erlebt der Wanderer eine Reihe von Gefahren: Er gerät in ein Gewitter, verfängt sich in einem Netz, entkommt kaum einem Falken, verletzt sich den Flügel, und dann wirft ein Junge einen Stein nach ihm. Erschöpft und verkrüppelt kehrt die Taube nach Hause zurück. Die Moral der Fabel: Liebende Herzen sollten das Glück nicht in Wanderungen suchen, denn neben einem geliebten Menschen gewinnt jeder Moment bereits an Sinn.

Dmitrijews Übersetzung ist stellenweise eher eine Nachahmung als eine wörtliche Wiedergabe. Bei La Fontaine sind es 83 Zeilen, bei Dmitrijew 106. Die Erweiterung der Handlung deutet auf die persönliche Involviertheit des Übersetzers hin. Anstelle der kurzen ursprünglichen Phrase, dass die Vögel einander mit zärtlicher Liebe liebten, gibt die russische Version eine ausführliche Beschreibung:

Zwei Tauben waren Freunde,
Lebten seit Langem zusammen,
Und aßen, und tranken.

Auch die Tonalität ändert sich. Im Original hört der Reisende einen Vorwurf, der durch das höfliche französische vous („Sie“) und das neutrale frère („Bruder“) ausgedrückt wird. Bei Dmitrijew erscheint die persönliche Anrede mit „du“ und die Verkleinerungsform „Brüderchen“ (russ. bratez):

„Erbarmen, Brüderchen, womit hast du mich getroffen?
Ist es leicht, in der Trennung zu sein?.. Dir fällt es leicht, du Grausamer!
Ich weiß; ach! aber mir... mir wird, vor tiefem Kummer,
Kein einziger Tag vergehen...“

Die Repliken werden länger und emotionaler, und das französische imprudent voyageur („unvorsichtiger Reisender“) wird mit den Worten „Narr“ und „Ränkeschmied“ übersetzt.

Dmitrijew verstärkt die körperliche Seite der Bindung. Bei La Fontaine weinen die Vögel und sagen einander adieu („Lebewohl“). In der russischen Übersetzung weicht der formelle Abschied dem physischen Kontakt:

Die Freunde blickten einander an, berührten sich mit den Schnäbeln,
Seufzten und trennten sich.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die weibliche Figur in dieser männlichen Geschichte. In der Originalfabel trifft der Reisende in der Nähe von verstreutem Weizen auf eine dritte männliche Taube (un pigeon). Bei Dmitrijew kommt es zu einer Geschlechterinversion: Diese Figur verwandelt sich in eine Taube (weiblich). Sie ist es, die auf dem Feld als Köder dient und den Wanderer in eine Falle lockt.

Eine weitere weibliche Figur taucht im Exkurs des Autors als Geliebte des Erzählers auf. Sie ist namenlos und gehört zu einem konventionellen poetischen Typus, der eine idyllische, aber ziemlich fade Liebe darstellt. Vor diesem Hintergrund sticht das Paar der männlichen Tauben besonders hervor: Ihre Geschichte, die sich als Fabel tarnt, liest sich hartnäckig als ein äußerst „vermenschlichter“, zärtlicher Roman.

Die Fabel „Die zwei Freunde“: idealisierte männliche Nähe

Im Zentrum von La Fontaines Fabel „Die zwei Freunde“ (Les Deux Amis, 1795) stehen zwei unzertrennliche Freunde. Eines Tages träumt einer, dass sein Gefährte traurig ist. Erschrocken rennt er mitten in der Nacht zu seinem Freund. Dieser wacht auf, entscheidet, dass ein echtes Unglück passiert ist, und bietet sofort Hilfe an: Geld, Waffen oder jede andere Tat. Als er erfährt, dass es kein Unglück gibt und der Grund für den Besuch nur ein beunruhigender Traum war, beruhigt er sich.

Vergleicht man den russischen Text mit dem französischen, sieht man, wie Dmitrijew aktiv in die Erzählung eingreift: Er präzisiert Details und verstärkt die Intonation. Eine der wichtigsten Änderungen ist das Verschwinden des exotischen Rahmens. Bei La Fontaine spielt die Handlung im Land Monomotapa (Monomotapa) — einem fiktiven afrikanischen Ort, weit weg von den verdorbenen Sitten europäischer Höfe. Dmitrijew löscht diese geografische Distanz vollständig aus:

Vor langer, langer Zeit lebten irgendwo zwei Freunde…

Die Fabel verweist nicht mehr auf eine bedingt ferne Welt und überträgt das Modell idealer Beziehungen in einen Raum, der für den russischen Leser relevant ist.

Das Thema der Nähe entwickelt Dmitrijew viel weiter als La Fontaine. Im französischen Text heißt es: „Alles, was dem einen gehörte, gehörte auch dem anderen; die Freunde jenes Landes werden, so sagt man, mehr geschätzt als in unserem.“ Dmitrijew schreibt, dass die Freunde:

…teilten einen einzigen Gedanken, liebten ein und dasselbe
Und zu jeder Stunde
Ließen sie einander nicht aus den Augen;
Alles gemeinsam; nur die Nacht allein trennte sie;
Doch nein — auch nachts sprach Seele mit Seele.

Die Gegenseitigkeit geht über den Rahmen des Alltags hinaus: Die Verbindung setzt sich sogar nachts im Traum fort.

Der Übersetzer entfernt Überlegungen, die er für überflüssig hält. La Fontaines Frage „Wer von ihnen liebte stärker, was meinst du, Leser?“ verschwindet. In den Vordergrund rückt nicht der Vergleich der Zuneigung, sondern die Gegenseitigkeit der Gefühle. In der russischen Version sprechen sich die Helden mit „du“ an, im Gegensatz zum formellen vous bei La Fontaine. Dmitrijews kurze, fast szenische Repliken machen die Erzählung dynamisch:

Hier ist mein ganzes Geld! Hat jemand dich gekränkt?
Hier ist mein Degen! Ich eile hin — ich sterbe, oder du bist gerächt!

Der erstaunlichste Akt der Zensur des Originals besteht in der Entfernung des heterosexuellen Elements aus der Schlüsselszene. Bei La Fontaine bietet der geweckte Gefährte drei Hilfsmöglichkeiten an: Geld für den Fall eines Kartenspielverlusts, seinen Arm mit dem Schwert und eine schöne Sklavin, falls der Freund einsam schläft (Une esclave assez belle…). Dmitrijew schließt die dritte Option entschieden aus und lässt nur die Kasse und den Degen übrig. Damit reinigt er den Raum der Fabel von heteronormativen Klischees.

Dieselben Änderungen sind in der Moral sichtbar. Bei La Fontaine ist sie in galant-ritterlicher Manier gehalten. Dmitrijew entfernt die abstrakte Überlegung und leitet eine aphoristische Formel ab:

Ein Freund im Herzen, ein Freund im Sinn — und derselbe Freund auf den Lippen!

Infolgedessen führt Dmitrijew erneut „als Konterbande“ seine eigene Weltanschauung in den Text ein. Indem er weibliche Figuren aus klassischen Handlungen herausschneidet und die Nähe männlicher Charaktere verstärkt, schafft er Gedichte, die bei äußerlicher sentimentaler Anständigkeit als verschlüsselte Botschaften fungieren.

Bedeutung für die Geschichte der russischen LGBT-Literatur

Die meisten Forscher sind sich einig, dass Iwan Dmitrijew gleichgeschlechtliche Anziehung empfand, obwohl der Status eines hochrangigen Würdenträgers von ihm absolute öffentliche Zurückhaltung verlangte. Seine Biografie veranschaulicht deutlich die Spezifik der aristokratischen Kultur des frühen 19. Jahrhunderts: Unter den Bedingungen eines rechtlichen Vakuums existierte die emotionale Bindung zwischen Männern nicht nur als „offenes Geheimnis“, sondern diente auch als Grundlage für homosoziale Verbindungen, die die intellektuelle und administrative Elite des Reiches bildeten.

Aus literarischer Sicht stellt Dmitrijews Erbe eines der frühen Beispiele für Queer-Coding in der russischen Poesie dar. Da er nicht direkt über seine Gefühle sprechen konnte, nutzte er meisterhaft die legalen Rahmenbedingungen seiner Epoche — die Autorität der antiken Tradition, das Genre der Übersetzung und den sentimentalistischen Kult der Freundschaft. Durch die Transformation klassischer Handlungen schuf Dmitrijew eine Sprache, die es ermöglichte, nicht-normative Sinnlichkeit innerhalb der hohen Literatur zu artikulieren.

Seine Texte zeigen, dass die Geschichte der russischen Homosexualität nicht nur eine Chronik der Heimlichkeit oder Marginalisierung ist, sondern auch eine komplexe intellektuelle Tradition, in der Autoren elegante Wege fanden, ihre persönliche Erfahrung in den Kanon der nationalen Kultur einzuschreiben.

Eine allgemeine Einschätzung seiner literarischen Bedeutung drückte Filipp Wigel aus:

„Als Dichter wird er auf dem russischen Parnass stets einen bemerkenswerten Platz einnehmen. Vor ihm lasen die Leute von Welt und die Frauen keine russischen Verse oder verstanden sie, wenn sie sie lasen, nicht.“

— Filipp Wigel, „Aufzeichnungen“

Die zwei Freunde

Vor langer, langer Zeit lebten irgendwo zwei Freunde,
Sie teilten einen einzigen Gedanken, liebten ein und dasselbe,
Und zu jeder Stunde
Ließen sie einander nicht aus den Augen;
Alles gemeinsam; nur die Nacht allein trennte sie;
Doch nein — auch nachts sprach Seele mit Seele.
Einmal hatte einer einen schrecklichen Traum;
Im Nu war er aus dem Haus,
Läuft aufgeregt zum Freund
Und weckt ihn. Jener springt auf.
„Welchen Dienst verlangst du? —
Sprach er verwirrt. —
So früh hat mein Freund mich noch nie geweckt!
Was bedeutet dein Kommen? Hast du beim Kartenspiel verloren?
Hier ist mein ganzes Geld! Hat jemand dich gekränkt?
Hier ist mein Degen! Ich eile hin — ich sterbe, oder du bist gerächt!“
— „Nein, nein, ich danke dir; weder das eine noch das andere, —
Erwiderte der zärtliche Freund, — bleib du in Ruhe:
Ein verfluchter Traum ist an allem schuld!
Im Morgengrauen träumte mir, mein Freund sei traurig,
Und ich… ich war darüber so bestürzt,
Dass ich sogleich erwachte
Und zu dir lief, um mein Gemüt zu stillen.“

Was für ein unschätzbares Geschenk — ein aufrichtiger, herzlicher Freund!
Er sucht nach jeglichem Mittel, dir zu dienen:
Er errät den Kummer, kommt dem Unglück zuvor;
Eine Kleinigkeit, ein Traum, ein Nichts — und schon fürchtet er um dich;
Ein Freund im Herzen, ein Freund im Sinn — und derselbe Freund auf den Lippen!

<1795>

Die zwei Tauben

Zwei Tauben waren Freunde,
Lebten seit Langem zusammen,
Und aßen, und tranken.
Eine wurde es müde, stets dasselbe zu sehen;
Sie beschloss, sich umzutun, und vertraute es dem Freund an.
Dem war die Nachricht wie ein Messerstich;
Er erschrak, vergoss Tränen
Und rief dem Freund zu:
„Erbarmen, Brüderchen, womit hast du mich getroffen?
Ist es leicht, in der Trennung zu sein?.. Dir fällt es leicht, du Grausamer!
Ich weiß; ach! aber mir… mir wird, vor tiefem Kummer,
Kein einziger Tag vergehen… und bedenke doch,
Ist dies die Zeit, auf Reisen zu gehen?
Warte wenigstens auf die Zephire, liebes Täubchen!
Wozu die Eile? Wir werden noch Zeit haben, uns zu trennen!
Eben erst hat der Rabe gekrächzt,
Und zweifellos — ich fürchte mich über alle Maßen! —
Hat er irgendeiner Vogelplage Unheil vorhergesagt,
Und ein Herz im Kummer glaubt umso mehr daran!
Wenn ich von dir getrennt bin,
Wird mir jeder Tag mit Unheil drohen:
Bald ein kühner Habicht, bald grausame Jäger,
Bald Milane, bald Schlingen —
Alles Böse wird mir das Herz in Erinnerung rufen.
Ach, weh mir! — werde ich seufzend sagen — es regnet!
Ist mein Freund gesund? Leidet er etwa Kälte?
Leidet er Hunger?
Und was werde ich mir da nicht alles einbilden!“
Für Narren ist das kluge Wort wie Wasser im Bächlein:
Es murmelt und fließt vorbei.
Der Ränkeschmied lauscht, seufzt,
Und will dennoch fliegen.
„Nein, Brüderchen, so sei es! — sprach er. — Ich fliege!
Doch glaube mir, ich will dich nicht betrüben;
Weine nicht; drei Tage gehen hin, und ich bin wieder bei dir,
Um zu picken
Und zu gurren
Wieder unter einem Dach;
Ich werde dir abends zu erzählen beginnen —
Denn ohnehin wird alles auf dasselbe hinauslaufen —,
Was ich sah, wo ich war, wo es gut, wo es schlecht war;
Ich werde sagen: dort war ich, dieses Wunder sah ich,
Und dort geschah mir jenes,
Und du, mein Freundchen,
Wenn du mir zugehört hast, wirst du bis zum Sommer so bewandert sein,
Als wärst du selbst durch die weite Welt gewandert.
Leb wohl!“ — Bei diesen Worten
Statt aller „Ach!“ und „Oh!“
Blickten die Freunde einander an, berührten sich mit den Schnäbeln,
Seufzten und trennten sich.
Einer, den Schnabel hängend, setzte sich;
Der andere flatterte auf, erhob sich, fliegt, fliegt wie ein Pfeil.
Und gewiss hätte er in seinem Eifer das Ende der Welt erreicht;
Doch plötzlich bedeckte sich der Himmel mit Düsternis,
Und geradewegs dem Wanderer in die Augen
Schlug aus der Wolke Platzregen, Hagel, Wirbelwind — mit einem Wort —
Mit seinem ganzen Gefolge, wie es sich gehört, das Gewitter!
In solch einem Fall — gefährlich, wenngleich nicht neu —
Setzt sich das Täubchen eilig auf einen Ast
Und ist noch froh, nur nass geworden zu sein.
Das Gewitter ließ nach, das Täubchen trocknete sich
Und machte sich wieder auf den Weg.
Es fliegt und sieht von oben
Verstreute Hirse und daneben — ein Taubenweibchen;
Es lässt sich nieder und im Nu
Verfängt es sich im Netz; doch das Netz war schlecht,
So bewaffnete es sich mit dem Schnabel dagegen;
Bald mit dem Schnabel, bald mit dem Füßchen ziehend, ziehend, befreite es sich
Aus dem Netz ohne Schaden,
Nur mit dem Verlust einiger Federn. Doch ist das ein Unglück?
Um das Grauen zu mehren,
Tauchte plötzlich ein Falke auf und griff mit voller Wucht
Den armen Kerl an,
Der, wie ein Verbrecher in Ketten gelegt,
Ein Stück Schnur mit Netzresten hinter sich herschleppte.
Doch zum Glück stieg ein Adler mit breiten Schwingen
Dem Falken aus den Wolken entgegen;
Und so, dank des zufälligen Zusammentreffens zweier Räuber,
Fiel unser Wanderer dem Falken nicht zur Beute.
Doch war er noch immer nicht aller Not ledig;
In Panik um Verstand und scharfes Auge gebracht,
Stieß er geradewegs gegen ein Dach
Und verrenkte sich den Flügel; dann warf ein Junge —
Offenbar verstand er sich auf Tauben und war nicht ohne Witz —
Aus Spaß ein Steinchen nach ihm
Und traf ihn so, dass er sich kaum erholte;
Dann… dann, sich selbst, das Schicksal, den Weg verfluchend,
Beschloss er, halbtot, halblahm, zurückzuhumpeln;
Und kam schließlich als Krüppel nach Hause,
Den Flügel schleppend und das Bein nachziehend.

Oh ihr, die der Gott der Liebe vereint hat!
Wollt ihr reisen? Vergesst den stolzen Nil
Und entfernt euch nicht weiter als bis zum nächsten Bach.
Was soll euch entzücken? Entzückt einander!
Möge einer im anderen zu jeder Stunde finden
Eine schöne, neue Welt, stets voller Abwechslung!
Gibt es in der Liebe auch nur einen Augenblick, in dem das Herz müßig ist?
Die Liebe, glaubt mir, wird euch alles ersetzen.
Ich selbst habe geliebt: damals hätte ich für eine einsame Wiese,
Erhellt durch die Gegenwart meiner Geliebten,
Nicht Marmorpaläste nehmen wollen,
Nicht ein Königreich in den Himmeln!.. Werdet ihr zurückkehren,
Minuten der Freude, Minuten des Entzückens?
Oder werde ich nur noch von der Erinnerung leben?
Ist die Zeit so süßer Verzauberungen wirklich vorbei,
Und ist es für mich an der Zeit, zu lieben aufzuhören?

<1795>

Literatur und Quellen
  • Wigel, Filipp. Sapiski [Aufzeichnungen]. Moskau: Uniwersitetskaja tipografija, 1864.
  • Dmitrijew, Iwan. Polnoje sobranije stichotworenij [Vollständige Gedichtsammlung]. Leningrad: Sowetski pissatel, 1967.
  • Baer, Brian James. „Russian Gay and Lesbian Literature“ [Russische schwule und lesbische Literatur]. In The Cambridge History of Gay and Lesbian Literature [Die Cambridge-Geschichte der schwulen und lesbischen Literatur], herausgegeben von E. L. McCallum und Mikko Tuhkanen, 421–437. Cambridge: Cambridge University Press, 2014.
  • Tyulenev, Sergey. „Translation as Smuggling“ [Übersetzen als Schmuggel]. In Thinking through Translation with Metaphors [Übersetzung durch Metaphern denken], herausgegeben von James St. André, 241–274. Manchester: St. Jerome Publishing, 2010.

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