Welches Geschlecht hat Gott im Alten Testament?
Ein queer-theologischer Text über die Geschlechtslosigkeit des christlichen Gottes.
Inhalt

In vielen antiken Religionen wurden männliche Gottheiten mit betont dargestellter Sexualität abgebildet.
In der Bibel ist das Bild ein anderes. Gott offenbart sich durch die Geschichte Israels und die Rede der Propheten; diese Offenbarungen sind in den Texten des Alten Testaments gesammelt. Darin bezeichnet sich Gott als Vater Israels. Das bedeutet nicht, dass Gott als Mann gedacht wird. Die biblische Sprache verwendet männliche Bezeichnungen, reduziert Gott aber nicht auf das männliche Geschlecht.
Was die Grammatik des Althebräischen zeigt
Um zu verstehen, warum die Bibel Gott in männlichen Begriffen beschreibt, muss man den hebräischen Text heranziehen.
Die Bibel beginnt mit den Worten: „Bereschit bara Elohim" — „Im Anfang schuf Gott" (Genesis 1:1). Das Verb bara steht in der maskulinen Singularform. Zugleich hat Elohim eine Pluralform. Im Althebräischen kann diese Form sowohl dem maskulinen als auch dem femininen Genus zugeordnet werden. Elohim ist einer der biblischen Namen Gottes; wörtlich bedeutet das Wort „Götter", wird aber auch für den einen Gott Israels verwendet.
Das zeigt sich auch an anderen Stellen der Schrift. Im Ersten Buch der Könige wird das Wort Elohim in unterschiedlichen Kontexten gebraucht. Einmal bezieht es sich auf Jahwe: „So spricht der HERR, der Gott Israels" (1 Könige 11:31). Ein andermal auf Astarte: „Sie haben mich verlassen und Astarte, die Gottheit der Sidonier, angebetet" (1 Könige 11:33). Folglich ist die Form Elohim an sich nicht ausschließlich an ein grammatisches Genus gebunden und kann auf verschiedene göttliche Bezeichnungen angewandt werden.
Im Althebräischen erfüllt das Maskulinum häufig eine neutrale Funktion und wird als Standardform verwendet. Es bezieht sich nicht nur auf Männer, sondern auch auf unbelebte Gegenstände. Daher stehen die meisten Formen im biblischen Text im Maskulinum. Es gibt jedoch Ausnahmen. Im Buch Genesis wird der Geist Gottes mit dem Wort ruach bezeichnet, einem femininen Substantiv. Das Verb, das seine Bewegung beschreibt — rachaf („schwebte") —, steht ebenfalls in femininer Form (Genesis 1:2). Dieses Verb kommt in der Bibel nur zweimal vor; das zweite Mal in Deuteronomium 32:11: „wie ein Adler über seinem Nest schwebt". Auch dort wird die feminine Form verwendet. Das zeigt, dass die biblische Sprache in einzelnen Fällen auch eine feminine grammatische Färbung bei der Beschreibung göttlichen Handelns zulässt.
Gleichzeitig stehen die Personalpronomina, die sich im Alten Testament auf Gott beziehen, durchgehend in maskulinen Formen. Eine der seltenen Ausnahmen wird manchmal in Numeri 11:15 gesehen. Im masoretischen Text verwendet Mose ein feminines Suffix der zweiten Person, als er sich an Gott wendet: „Wenn Du [fem.] so mit mir verfährst, dann töte mich lieber." Doch weiter im selben Vers erscheint eine maskuline Form: „vor Deinen Augen". In der samaritanischen Fassung steht an diesen Stellen nur das Maskulinum. Die feminine Form in der masoretischen Tradition wird daher häufig als Schreibfehler gewertet; dies wird im Apparat der BHS (Biblia Hebraica Stuttgartensia, der Standardausgabe des hebräischen Bibeltextes) vermerkt.
In der Schrift wiederholen sich beständig maskuline Formeln wie „wajomer Elohim" und „wajomer Jahwe" — „und Gott sprach". Das Verb „sprach" steht in diesen Konstruktionen stets im Maskulinum. Die feminine Form watomer wird in Bezug auf Gott kein einziges Mal gebraucht. Diese Beständigkeit zeigt, dass der biblische Text Gott systematisch mit dem maskulinen grammatischen Genus beschreibt.
Die Grammatik ist jedoch nur einer der Schlüssel zum Verständnis des biblischen Gottesbildes. Ebenso wichtig ist die theologische Perspektive, in der die sprachlichen Formen auf weiterreichende Bedeutungen verweisen.
Ansätze in der Theologie
Einige Bibelwissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts vertraten die Auffassung, dass in den Texten des Alten Testaments Spuren älterer altorientalischer mythologischer Vorstellungen erhalten seien — sumerischer, akkadischer und kanaanäischer. Nach dieser Hypothese enthielt die frühe biblische Weltanschauung matriarchale Motive, die später in einem patriarchalen System umgedeutet wurden. In diesem Rahmen wurde die Erde in der Bibel als weibliches Prinzip verstanden, das an der Mitschöpfung mit Gott teilnimmt: Gott und die Erde bringen gemeinsam den Menschen hervor. Heute gilt diese Sichtweise allgemein als überholt und wird von der Mehrheit der Forscher nicht mehr vertreten.
Der amerikanische Theologe Stanley Grenz unterschied vier Hauptansätze zur Frage, wie Geschlecht und Genus Gottes im Alten Testament zu verstehen sind. Diese Ansätze erklären auf unterschiedliche Weise, warum die Schrift geschlechtlich geprägte Bilder bei der Beschreibung des Göttlichen verwendet.
Der erste Ansatz schlägt vor, die bildhafte Sprache zu entmythologisieren und die auf Gott angewandten geschlechtsbezogenen grammatischen Formen nicht wörtlich zu nehmen. Laut Grenz bedienten sich die biblischen Autoren menschlicher Eigenschaften, um Gott verständlicher zu machen. Dabei ist Gott weder Mann noch Frau: Er hat kein Geschlecht und steht jenseits menschlicher Kategorien. Die Bibel selbst betont den Unterschied zwischen Gott und Mensch, etwa in der Formel: „Gott ist nicht ein Mensch" (1 Samuel 15:29).
Der zweite Ansatz deutet die biblischen Beschreibungen als Hinweis darauf, dass Gott ein bestimmtes Geschlecht besitzt. Diese Position kann zu dem Schluss führen, dass Gott von Natur aus männlich sei, manchmal sogar, dass Er buchstäblich ein Mann sei. Feministische Theologinnen haben diese Auffassung scharf kritisiert. Eine der bekanntesten Entgegnungen stammt von Mary Daly: „Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott." Diese Formel wurde zu einem polemischen Argument, ist aber von keiner Kirche anerkannt worden.
Der dritte Ansatz verteilt die göttlichen Eigenschaften nach geschlechtlichen Kriterien: Dem Vater und dem Sohn werden männliche Charakteristika zugeschrieben, dem Heiligen Geist weibliche. In manchen Varianten dieses Modells wird das weibliche Prinzip nicht nur mit dem Geist, sondern auch mit dem Sohn verbunden. Doch die biblischen Texte, insbesondere das Neue Testament, bieten für eine solche Aufteilung keine solide Grundlage. Ein und derselbe Jahwe kann als barmherzig und liebevoll beschrieben und zugleich Vater genannt werden. Selbst dort, wo Gott durch Metaphern dargestellt wird, die man üblicherweise als weiblich betrachtet, bedeutet das keinen Wechsel des Geschlechts.
Der vierte Ansatz, der radikalste in der feministischen Theologie, schlägt vor, das Gottesbild als weibliches Prinzip neu zu denken. In dieser Perspektive wird das Göttliche entweder mit dem Bild der Großen Mutter — einem Symbol für Fruchtbarkeit und Fürsorge — oder mit einer Neuinterpretation der Trinität durch Sophia, die Personifizierung der göttlichen Weisheit, verbunden. Gott wird dann nicht als Vater, sondern als Mutter gedacht — als Quelle des Lebens, der Fürsorge und der schöpferischen Kraft.
Mütterliche Gottesbilder und ihre Grenzen
Die biblischen Texte erlauben tatsächlich den Vergleich Gottes mit einer Mutter. Beim Propheten Jesaja spricht Gott: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so will ich euch trösten" (Jesaja 66:13) und „Kann eine Frau ihren Säugling vergessen, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Selbst wenn sie ihn vergäße — ich vergesse dich nicht" (Jesaja 49:15). Diese Bilder unterstreichen die Zärtlichkeit und Stärke der Liebe Gottes, einschließlich ihrer mütterlichen Züge.
Doch weder im Alten noch im Neuen Testament wird Gott „Mutter" genannt. Das weist auf einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Schöpfer und der geschaffenen Welt hin: Gott übersteigt die menschlichen Kategorien, einschließlich des Geschlechts. Die Verwendung des grammatischen Maskulinums in der biblischen Sprache spiegelt daher nicht das Wesen Gottes wider, sondern die historische und kulturelle Form der religiösen hebräischen Sprache.
Die Versuche, in vorgeschichtlichen Glaubensvorstellungen ein ursprüngliches Bild einer weiblichen Gottheit — der sogenannten Großen Mutter — zu identifizieren, haben keine überzeugenden Ergebnisse erbracht. Die Annahme, dass am Fundament der religiösen Tradition eine weibliche Hypostase Gottes verborgen liege, wird weder durch biblische Quellen noch durch Daten der altorientalischen Kultur bestätigt. Das Bild der Sophia ist zwar ein feminines Wort, erscheint aber in der Schrift ebenfalls nicht als eigenständige weibliche Gottheit.
Die Bibelwissenschaftlerin Tikva Frymer-Kensky formulierte es so: „Wir stellen uns gewöhnlich den Vater als den Strafenden und die Mutter als die Mitfühlende vor und neigen dazu, die Stellen, an denen Gott Mitgefühl zeigt, als ‚mütterliche Stellen’ und jene, an denen Gott ein Urteil spricht oder eine Strafe verkündet, als ‚väterliche Stellen’ zu bezeichnen. Doch der biblische Text selbst nimmt eine solche Unterscheidung nicht vor, und Gott als Elternteil geht über unsere geschlechtsgebundene Vorstellung von Elternrollen hinaus. Ein und derselbe Elternteil kann zugleich streng und mitfühlend, zugleich strafend und emotional sein."
Warum die biblische Tradition männliche Bilder bevorzugt
Die amerikanische presbyterianische Pfarrerin Elizabeth Achtemeier bot eine Erklärung dafür, warum die Bibel Gott vorwiegend durch männliche Bilder beschreibt — im Unterschied zu den Religionen des Alten Orients, in denen sowohl Götter als auch Göttinnen auftreten. Ihrer Meinung nach lag der Grund nicht allein in der patriarchalen Ordnung der biblischen Kultur. Diese sprachliche Strategie sollte die Verwechslung des Schöpfers mit der Schöpfung verhindern — ein Risiko, das typisch für Religionen ist, in denen Gottheiten in weiblicher Gestalt eng mit natürlichen Kreisläufen, Geburt und Sexualität verbunden sind:
„Der Hauptgrund für diese Bezeichnung Gottes als männlich ist, dass der Gott der Bibel es nicht zulässt, mit seiner Schöpfung gleichgesetzt zu werden… Wird Gott in weiblicher Sprache dargestellt, entstehen sofort Bilder des Tragens im Mutterleib, des Gebärens und des Stillens… Eine weibliche Göttin hat die Welt hervorgebracht! Wenn aber die Schöpfung aus dem Leib der Gottheit hervorgeht, teilt sie die Substanz der Gottheit; die Gottheit ist in, durch und unter allen Dingen, und daher ist alles göttlich… Wird Gott mit der Schöpfung gleichgesetzt, werden wir letztlich selbst zu Göttern und Göttinnen — und das ist die größte Ursünde (Genesis 3)."
— Elizabeth Achtemeier
Kritiker dieses Arguments weisen darauf hin, dass auch männliche Metaphern zur Sakralisierung der Sexualität führen können — nicht weniger als weibliche. In den Religionen des Alten Orients zeigen männliche Gottheiten ebenfalls häufig sexuelle Aktivität. Die Frage bleibt daher bestehen: Warum wird Gott in der biblischen Tradition gerade als „er" und nicht als „sie" dargestellt?
Die Bibel beantwortet diese Frage nicht. Doch nach Achtemeiers Einschätzung lässt sich vermuten, dass die Gefahr einer vollständigen Identifizierung Jahwes mit einer Göttin — und damit mit sakraler Sexualität und der Funktion des Gebärens — als größer empfunden wurde als bei der Verwendung einer männlichen Metapher. Das weibliche Prinzip war in den antiken Kulturen eng mit der Geburt und der sexuellen Funktion verbunden, und diese Verbindung wurde als natürlich und unmittelbar wahrgenommen.
Die Bibelwissenschaftlerin Tikva Frymer-Kensky machte am Beispiel der sumerischen Kultur eine ähnliche Beobachtung, die sich auf viele religiöse Systeme des Alten Orients übertragen lässt. Ihrer Auffassung nach konnten Männer soziale Rollen einnehmen, die nicht an die Anatomie gebunden waren, während die weibliche Macht als direkt vom Körper bestimmt verstanden wurde. Göttinnen herrschen über Reproduktion, Sexualität und Fruchtbarkeit — Funktionen, die die Gesellschaft als Wesen der weiblichen Natur betrachtet. So wird die Frau, ob Mensch oder Gottheit, vor allem mit Körperlichkeit und reproduktiver Funktion in Verbindung gebracht.
Gott hat kein Geschlecht
Weder der dritte noch der vierte Ansatz stimmen mit der Struktur der biblischen Texte oder dem religiösen Kontext des Alten Orients überein. Dass die Bibel Gott durch männliche und weibliche Metaphern beschreibt, bedeutet nicht, dass Gott ontologisch, also seinem Sein nach, ein Mann oder eine Frau ist.
Das zeigt sich bereits in den ersten Zeilen der Schrift, angefangen beim Schöpfungsbericht in der Genesis. Die hebräische Tradition geht über die Einteilung in männlich und weiblich hinaus. Der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen und spiegelt die dem Schöpfer eigenen Qualitäten wider: die Fähigkeit, in Beziehung zu treten, Einheit in der Vielfalt zu bewahren und mit dem Anderen in Austausch zu treten. Die Sexualität gehört dabei ausschließlich zur geschaffenen Welt und berührt nicht die Natur Gottes selbst. In diesem Sinne bleibt Gott radikal anders gegenüber jedem Geschöpf.
Anders als die Gottheiten der altorientalischen Kulte, denen häufig sexuelle Merkmale und Funktionen zugeschrieben wurden, hat Jahwe in der Schrift keine physischen Geschlechtsmerkmale. Er „befruchtet" die Erde nicht durch einen Zeugungsakt, wie es Fruchtbarkeitsgötter tun. Gott verleiht der Erde unmittelbar die Fähigkeit, Frucht zu bringen, und erhält das Leben, ohne an sexuellen Handlungen teilzunehmen. Im Alten Testament findet sich auch keine Erwähnung einer Gemahlin Jahwes oder einer göttlichen Partnerschaft.
Obwohl im Alten Testament sowohl männliche als auch weibliche Bilder Gottes vorkommen, bleiben sie Metaphern. Propheten und Dichter schreiben Ihm Eigenschaften zu, die man aus der menschlichen Erfahrung der Mutterschaft kennt: Mitgefühl, Fürsorge, Zärtlichkeit. Doch keines dieser Bilder sakralisiert das weibliche Prinzip. Im Gegenteil: Die Weigerung, das Weibliche zu sakralisieren, bleibt eines der grundlegenden Merkmale des biblischen Gottesverständnisses.
Der französisch-amerikanische Theologe Samuel Lucien Terrien betonte, dass sich das antike Israel grundlegend von seinen Nachbarn in der Auffassung der Beziehung zwischen Sexualität und Göttlichkeit unterschied. Im Gegensatz zu den Religionen des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums bestand der israelitische Glaube auf der vollständigen Transzendenz Gottes gegenüber der Natur. Jahwisten, Psalmisten, Propheten und Weise identifizierten Gott nicht mit den Naturkräften und dachten Ihn daher nicht in Kategorien der Sexualität. Für sie war Gott weder Mann noch Frau.
Die alten Israeliten mieden das Thema Sexualität nicht, trennten es aber konsequent von der Sphäre des Heiligen. Sexualität konnte ihrer Überzeugung nach kein Mittel der Kommunikation mit Gott sein. Zugleich stützte sich die Sprache, in der sie über Gott sprachen, natürlicherweise auf menschliche Erfahrungen. Daher die männlichen wie weiblichen Charakteristika, mit denen sie Seine Handlungen und Eigenschaften beschrieben.
Der Widerstand gegen die Gleichsetzung des Schöpfers mit der Schöpfung ist eines der zentralen Themen der Schrift. Genau das erklärt die Ablehnung der Fruchtbarkeitskulte durch Israel, die für die kanaanäische religiöse Tradition typisch waren und in denen Sexualität vergöttlicht wurde. Die Bibel vermeidet bewusst eine solche Zuschreibung eines weiblichen Prinzips an Gott, die zu diesen Vorstellungen zurückführen könnte.
Gleichwohl zeigt die Schrift deutlich: Obwohl Gott als „Er" bezeichnet wird, bedeutet das nicht, dass das Männliche Sein Wesen erschöpft. Jahwe übersteigt alle sexuellen Kategorien und bleibt jenseits der binären Einteilung in männlich und weiblich.
Was die Kirche sagt
Bei den frühen Kirchenvätern ist eine gemeinsame theologische Haltung erkennbar: Sie verwendeten mütterliche Bilder in Bezug auf Gott, vermieden aber feminine Pronomina.
Klemens von Alexandrien betonte sowohl mütterliche als auch väterliche Eigenschaften in Gott, ohne dabei in eine feminine Sprache zu wechseln. Der heilige Augustinus verwendete ebenfalls Metaphern, die mit Weiblichkeit verbunden sind. In beiden Fällen ging es nicht um die Anerkennung einer weiblichen Natur Gottes, sondern um bildhafte Sprache.
Der heilige Johannes von Damaskus erklärte, dass beim Menschen die Geburt mit dem Geschlechtsunterschied verbunden ist und die Mitwirkung von Mann und Frau erfordert. Auf Gott ist dieses Prinzip nicht anwendbar. Er schrieb: „Beim Menschen ist die Natur — männlich oder weiblich… Gott aber, der alles und jedes Begreifen übersteigt, kennt keine solche Unterscheidung." Der heilige Gregor von Nyssa kommentierte die Worte „Gott schuf den Menschen… männlich und weiblich" (Genesis 1:27) und betonte: „Im Bild Gottes gibt es keine Teilung in männlich und weiblich."
Frühchristliche Denker warnten, dass die wörtliche Vorstellung von Gott als einem Wesen mit Geschlecht ein grober Irrtum sei. Tertullian spottete, dass Gott ein Geschlecht zuzuschreiben bedeute, Ihn auf eine Stufe mit heidnischen Göttern zu stellen, die Kinder zeugen. Der heilige Gregor von Nazianz schrieb: „Für uns ist Gott Vater, weil Er den Sohn vor allen Zeiten gezeugt hat, und Gott ist Mutter, weil Er für die Schöpfung sorgt und sie nährt; dem Wesen nach aber ist Gott weder das eine noch das andere, weil Er jedes unserer Worte übersteigt."
Insgesamt entspricht diese Sicht der allgemeinen Ausrichtung der christlichen theologischen Tradition. Doch dann stellt sich eine weitere Frage: Gibt es Unterschiede zwischen den Kirchen selbst?
Die orthodoxe Kirche
Die orthodoxe Theologie geht davon aus, dass Gott Seiner Natur nach die menschlichen Vorstellungen übersteigt, einschließlich der Kategorie des Geschlechts. Gott ist Geist (Joh 4:24): unsichtbar, immateriell und unkörperlich. Ihm fehlen folglich die physischen Merkmale, die man dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen könnte. Alle drei Personen der Trinität gehören ihrem göttlichen Wesen nach weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an.
Diesen Gedanken unterstreicht auch die dogmatische Tradition. Der Katechismus der Russischen Orthodoxen Kirche spricht von Gott als dem unsichtbaren und unkörperlichen Vollkommenen Geist: Er hat weder Hände noch Füße noch irgendein materielles „Äußeres". Vom „Geschlecht Gottes" im wörtlichen Sinne zu sprechen, hält die orthodoxe Theologie daher für unangemessen. Dieses Verständnis teilen alle autokephalen orthodoxen Kirchen — die russische, griechische, serbische, antiochenische und andere.
Zugleich werden in der orthodoxen Tradition maskuline Pronomina und grammatische Formen für Gott verwendet. Das bedeutet nicht, dass Gott als Mann gedacht wird. Es handelt sich um eine sprachliche Konvention. In Sprachen mit grammatischem Genus, etwa in den slawischen und romanischen Sprachen, erfüllt das Maskulinum häufig eine verallgemeinernde Funktion und kann sich auf Personen unabhängig vom Geschlecht beziehen, während das Femininum in der Regel konkretisiert. In Sprachen ohne grammatisches Genus, etwa in den Turksprachen, existiert diese Opposition nicht, und die Fragestellung selbst sähe anders aus.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums mied die orthodoxe Ikonographie die Darstellung Gottes des Vaters. Dies entsprach der biblischen Formel: „Gott hat niemand je gesehen" (Joh 1:18). Die Kirche erlaubte hauptsächlich symbolische Bilder der Trinität. Das kanonischste wurde die Darstellung der alttestamentlichen Trinität — der drei Engel, die Abraham besuchten (Gen 18). Dieses Motiv verwendete Andrej Rubljow in seiner berühmten Ikone. Die drei Engel sind fast identisch dargestellt, ohne Betonung geschlechtlicher Merkmale. So wurde der dogmatische Gedanke vermittelt: Gott ist Seinem Wesen nach jenseits des Geschlechts, obwohl Er sich in Gestalt von Männern zeigen kann, die mit der Stimme des Herrn sprechen.

Im 16.–17. Jahrhundert verbreiteten sich in Russland Darstellungen der sogenannten Neutestamentlichen Trinität: Gott der Vater als Greis mit weißem Bart, der Sohn als junger Jesus, der Heilige Geist als Taube. Die Kirche betrachtete diese anthropomorphe Tradition — also die Zuschreibung menschlicher Züge an Gott — mit Vorsicht. Das Große Moskauer Konzil von 1667 verfügte, dass Gott der Vater nicht in menschlicher Gestalt dargestellt werden dürfe, außer wenn Gott sich selbst in einer Vision so offenbart hatte, etwa als „Alter der Tage" beim Propheten Daniel (Dan 7:9). Diese Entscheidung sollte die Gläubigen davor schützen, Gott wörtlich als „Mann" im gewöhnlichen Sinne zu verstehen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand im russischen theologischen Denken die Lehre von der Göttlichen Sophia, der Weisheit Gottes. Sie wurde unter anderem von Wladimir Solowjow und Erzpriester Sergij Bulgakow entwickelt. Im Rahmen dieser Strömung wurde versucht, das Bild einer „ewigen Weiblichkeit" als besonderer Dimension des Göttlichen in die Theologie einzuführen. Die Kirche verwarf diese Ideen, da sie eine Bedrohung für das Trinitätsdogma sah. 1935 verurteilte die Russische Auslandskirche die „Sophiologie" von Pater Bulgakow offiziell als der orthodoxen Lehre widersprechend.
Zeitgenössische orthodoxe Theologen betonen denselben Grundgedanken: Die christliche Tradition hat Gott nie als Mann im menschlichen Sinne verstanden. Erzpriester Alexander Schmemann stellte fest, dass die Sprache der Schrift nicht durch soziale Stereotype, sondern durch Offenbarung geformt wurde: Gott nennt sich Vater, um eine Liebesbeziehung auszudrücken, nicht geschlechtliche Eigenschaften. Metropolit Kallistos (Ware) schrieb, dass in Gott Eigenschaften gleichzeitig gegenwärtig — und überstiegen — sind, die Menschen gewöhnlich mit beiden Geschlechtern verbinden: Barmherzigkeit lässt sich mit Mutterliebe vergleichen, Stärke mit Vaterliebe, doch Gott selbst steht Seinem Wesen nach über dem Geschlecht.
Die katholische Kirche
Der Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 239) sagt, dass Gott den menschlichen Geschlechtsunterschied übersteigt. Er ist weder Mann noch Frau: Er ist Gott. Die traditionelle Anrede Gottes als Vater drückt laut dem Katechismus zwei Bedeutungen aus: Erstens ist Gott der Ursprung alles Seienden und Herr der Welt. Zweitens tritt Er als guter und fürsorglicher Elternteil auf, der dem Menschen nahe ist.
Obwohl in der katholischen Tradition maskuline Anredeformen für Gott festgelegt sind, dürfen sie nicht wörtlich verstanden werden. Gott hat keinen Körper und daher kein Geschlecht im menschlichen Sinne.
Der Katechismus betont außerdem, dass die menschliche Vaterschaft nur teilweise der wahren Wirklichkeit der göttlichen Vaterschaft entspricht. Die Erfahrung irdischer Eltern kann als Ausgangspunkt für die Gotteserkenntnis dienen, bleibt aber stets begrenzt und anfällig für Verzerrung.
Mit anderen Worten: Die theologische Sprache bedient sich menschlich zugänglicher Bilder, um über die unerschöpfliche und transzendente Natur Gottes zu sprechen. Wie der Katechismus sagt: „Niemand ist Vater so, wie Gott Vater ist."
Der Protestantismus
In der Einleitung zur Sammlung Lektionar mit inklusiver Sprache, herausgegeben vom Nationalen Kirchenrat der USA, einem Zusammenschluss mehrerer protestantischer Konfessionen, heißt es: Der Gott, den die Autoren der Bibel anbeteten und den die Kirche heute anbetet, kann nicht als ein Wesen mit Geschlecht, Rasse oder Hautfarbe betrachtet werden.
Die Mormonen
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage vertritt ein Verständnis der Trinität, das sich von dem der meisten christlichen Konfessionen unterscheidet. Vater, Sohn und Heiliger Geist werden hier als drei getrennte Personen verstanden, von denen jede männlichen Geschlechts und männlicher Natur ist. Darüber hinaus lehrt die mormonische Theologie die Existenz einer Himmlischen Mutter — der göttlichen Gemahlin Gottes des Vaters. Dieser Lehre zufolge sind alle Menschen geistliche Kinder dieser beiden himmlischen Eltern.
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Der biblische Text spricht durchgehend in maskuliner Form von Gott, und so wird üblicherweise über Ihn gesprochen. Das bedarf jedoch einer Präzisierung. Wenn vom „maskulinen Genus" oder der „Männlichkeit" Gottes die Rede ist, ist in erster Linie die grammatische Form der Sprache gemeint, nicht das biologische Geschlecht oder sexuelle Eigenschaften. Das grammatische Genus allein macht Gott nicht zum Mann im menschlichen Sinne.
Daraus folgt auch kein Verbot inklusiver Sprache in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Die Bibel beschreibt Gott auf eine bestimmte Weise, doch das schließt einen respektvollen und vielfältigen Sprachgebrauch in anderen Kontexten nicht aus.
Literatur und Quellen
- Johannes von Damaskus. Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens.
- Achtemeier E. Why God Is Not Mother: A Response to Feminist GodTalk in the Church.
- Daly M. Beyond God the Father: Toward a Philosophy of Women’s Liberation.
- Davidson R. M. Flame of Yahweh: Sexuality in the Old Testament.
- Frymer-Kensky T. Law and Philosophy: The Case of Sex in the Bible.
- Grenz S. J. Is God Sexual? Human Embodiment and the Christian Conception of God.
🙏 Queere Theologie des Christentums
Introduction
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