Eine homosexuelle Szene in der prähistorischen Kunst Norwegens: die Felsritzungen von Bardal

Was genau in den Fels geritzt ist, wie es datiert wird und warum diese Interpretation umstritten bleibt.

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Eine homosexuelle Szene in der prähistorischen Kunst Norwegens: die Felsritzungen von Bardal

Auf dem Hof Bardal in der Gemeinde Steinkjer befindet sich einer der größten Komplexe prähistorischer Felskunst — die Felsritzungen von Bardal (Bardalfeltet).

Eine Petroglyphe ist eine in Stein gehauene oder geritzte Darstellung, die von Menschen der Vorzeit geschaffen wurde.

Auf einer einzigen Felsfläche haben sich hier Bilder aus verschiedenen Epochen erhalten — von der Steinzeit bis zur Eisenzeit. Jüngere Figuren überlagern häufig ältere, wodurch die Komposition vielschichtig wirkt. Insgesamt bietet dieser Komplex eine Art „Erzählung" über das Leben im Zeitraum von etwa 4000 v. Chr. bis zum Beginn unserer Zeitrechnung.

Die Darstellungen von Bardal werden üblicherweise in zwei Kategorien unterteilt: Jagdbilder und Agrarbilder. Zur älteren Schicht gehören Jagdszenen und Tierfiguren — Hirsche, Wale, Seevögel. Die jüngere Schicht umfasst Boote, menschliche Figuren, Pferde und geometrische Zeichen.

Entdeckungsgeschichte und Geografie

Die Petroglyphen wurden erstmals 1896 von dem Pädagogen und Archäologen Knut H. Lossius beschrieben. In den folgenden Jahrzehnten, über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren, zog die Fundstätte die Aufmerksamkeit weiterer Fachleute auf sich und wurde nach und nach Gegenstand systematischer Erforschung.

Der Komplex liegt etwa 11 Kilometer von der Stadt Steinkjer entfernt. Zusammen mit dem Gebiet von Stjørdal bildet diese Region die größte Ansammlung von Felsritzungen in Zentralnorwegen. Der Archäologe Anders Hagen wies darauf hin, dass die Lage von Bardal — am Schnittpunkt von Bergen, Wäldern und Küste — dem Ort einen besonderen Status verliehen und ihn für die frühzeitlichen Jäger bedeutsam gemacht haben könnte.

Das Hauptfeld, Bardal-1, befindet sich an einem Südhang neben dem gleichnamigen Hof und gehört zu den größten der Region. Es misst 26 × 13 Meter. Der Fels wird durch einen senkrechten Riss in zwei Teile geteilt; auf der Westseite wurden fast 400 Darstellungen dokumentiert.

Bilder der Bauern

Diese Schicht wird den agrarischen Darstellungen der Bronzezeit zugeordnet und auf den Zeitraum 1800–500 v. Chr. datiert. Das häufigste Motiv sind Boote. Daneben finden sich Pferde, Spiralen und schalenförmige Vertiefungen.

Das größte Boot mit einer Länge von 4,5 Metern ist mit 90 senkrechten Linien versehen, die vermutlich Ruderer darstellen. Es zählt zu den größten Bootsdarstellungen, die in Skandinavien bekannt sind. In jener Zeit lag der Wasserstand höher, und in der Nähe befand sich eine flache Bucht. Daher wird vermutet, dass Bardal ein Treffpunkt und Kontaktort verschiedener Gruppen gewesen sein könnte. Die Ritzungen selbst spiegeln möglicherweise das Bestreben der Seefahrer wider, ihre Anwesenheit in diesem Raum zu markieren.

Bilder der Jäger

Die Jagddarstellungen gelten als die ältesten; insgesamt sind etwa 50 erhalten. Darunter befinden sich Tiere in nahezu natürlicher Größe: Hirsche, Elche und sogar ein sechs Meter langer Wal — vermutlich ein Schnabelwal. Darüber hinaus gibt es fünf Vogelfiguren und eine Bärendarstellung.

Von besonderem Interesse sind seltene anthropomorphe Figuren: eine männliche Gestalt von 114 cm Höhe mit erigiertem Penis sowie zwei Szenen, die möglicherweise homosexuellen Analverkehr darstellen.

Eine mögliche homosexuelle Szene

Anthropomorphe sind alte Darstellungen, die an menschliche Gestalten erinnern. Sie können Kopf, Arme und Beine besitzen, zeichnen sich aber häufig durch unproportionale Formen oder fantastische Details aus — Hörner, Schwänze, Flügel.

In einem der Jagdbereiche von Bardal sind anthropomorphe Darstellungen erhalten, die auf etwa 4000–2700 v. Chr. datiert werden. Es handelt sich um die Jungsteinzeit, als die Metallurgie diese Gebiete noch nicht erreicht hatte. Bemerkenswert ist, dass gerade dieses Fragment nicht von späteren Ritzungen der Agrarepoche überdeckt wurde.

Unter den Darstellungen fallen drei männliche Silhouetten auf, die abseits der Hirschfiguren angeordnet sind. Um sie herum befinden sich vier geometrische Rauten, vier Vögel — vermutlich Enten — und ein ungewöhnlicher „geflügelter" Anthropomorph, der an einen Schmetterling erinnert. Der Zusammenhang zwischen diesen Elementen bleibt unklar. Zugleich sind die anthropomorphen Figuren komplexer und stilisierter gestaltet als die übrigen Darstellungen auf dem Panel. Jede weist individuelle Besonderheiten auf, was entweder auf unterschiedliche Entstehungszeiten oder auf verschiedene Schöpfer hindeuten könnte.

Zwei menschliche Figuren sind im Moment des Geschlechtsverkehrs dargestellt. An der kleineren Figur lassen sich Linien erkennen, die entweder Brüste oder Arme darstellen könnten. Unter dem Bauch ist eine Reihe senkrechter Striche zu sehen; möglicherweise handelt es sich um eine schematische Darstellung der Schambehaarung.

Die größere, kopflose Figur dringt in die kleinere ein. Die Position des Penis deutet auf Analkontakt hin. Trotz des Größenunterschieds wirkt die Szene in sich stimmig: Anzeichen von Gewalt fehlen, und die Bewegungen beider Figuren wirken aufeinander abgestimmt.

Links vom Paar ist ein weiterer kopfloser Mann mit erigiertem Phallus dargestellt. Sein Körper wirkt proportionierter, und zwei Linien daneben könnten Arme darstellen; eine davon berührt offenbar den Penis, was auf Masturbation schließen lässt. Möglicherweise fungiert diese Figur als Beobachter und fügt der Szene ein voyeuristisches Element hinzu. Auffällig ist, dass der Künstler auf die Ausarbeitung der Köpfe verzichtet und die Aufmerksamkeit auf den Unterkörper lenkt, als würde er die Identität der Beteiligten absichtlich verbergen.

Dabei setzen sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau häufiger einen Kontakt von Angesicht zu Angesicht voraus, bekannt als „Missionarsstellung". Die Stellung „von hinten" kommt hingegen häufiger bei homosexuellen Männern vor.

Rituelle männliche Intimität und wissenschaftliche Interpretationen

1938 vermutete der Archäologe Gustaf Hallström, dass die Darstellung einen Mann und eine Frau zeigt. Er ging außerdem davon aus, dass der Geschlechtsverkehr vaginal und nicht anal sei. Zudem machte Hallström auf zwei senkrechte Linien vor der kleineren Figur aufmerksam; in der Abbildung sind sie nicht farblich hervorgehoben. Seiner Meinung nach könnten diese Linien einen dritten Teilnehmer andeuten, was eine Deutung der Szene als Gruppenverkehr ermöglichen würde.

Ethnografische Daten zeigen, dass in verschiedenen Kulturen homosexuelle Praktiken als Teil des Lebenszyklus wahrgenommen werden konnten. So gibt es bei den Sambia in Papua-Neuguinea ein Initiationsritual, bei dem ältere Männer Sperma an Jünglinge weitergeben und diesen Akt als Mittel betrachten, ihnen Kraft zu verleihen. In dieser Tradition wird Sperma mit Milch gleichgesetzt und der Penis symbolisch mit der Brust assoziiert, die die jüngere Generation „nährt".

In den 1990er Jahren stellte der Archäologe Tim Yates die These auf, dass einige skandinavische Felsritzungen nicht herkömmliche eheliche Szenen, sondern Verbindungen zwischen Männern darstellen. Er hielt es für möglich, dass solche Motive Männlichkeit symbolisierten oder Teil von Initiationspraktiken mit Heranwachsenden waren.

Der britische Archäologe Ian Hodder erforschte ebenfalls die Felskunst von Jäger-und-Sammler-Gesellschaften und verband sie mit Vorstellungen von Männlichkeit. Yates entwickelte diesen Ansatz weiter, indem er auf kriegerische männliche Darstellungen mit Keulen und Speeren aufmerksam machte. Er betonte, dass die betont großen Phalli in solchen Szenen als zusätzliches Zeichen von Stärke dienten.

Rituelle Formen der Homosexualität konnten wahrscheinlich in vielen prähistorischen Gemeinschaften existieren, obwohl sie zugleich als Praktiken am Rand der Norm wahrgenommen worden sein mögen. Felsritzungen, einschließlich der Panels von Bardal, dokumentieren möglicherweise solche rein männlichen Rituale ohne Beteiligung von Frauen und mit beschränktem Zugang. Derartige Interpretationen finden Parallelen in einer Reihe moderner, ethnografisch belegter Beispiele.

In der europäischen prähistorischen Kunst wurde männliche Sexualität häufig betont dargestellt, während weibliche Figuren deutlich seltener vorkommen. Dieses Verhältnis kann darauf hindeuten, dass die Gestaltung und Kontrolle visueller Erzählungen weitgehend in männlichen Händen lag. Zugleich spiegelt die geringe Zahl von Szenen, die als homosexuell interpretiert werden können, kaum unmittelbar die soziale Realität jener Zeit wider. Im Vergleich mit melanesischen Traditionen und rituellen Praktiken verdienen solche Darstellungen jedoch eine gesonderte Betrachtung.

Literatur und Quellen
  • Hagen A. Helleristningar i Noreg, 1990.
  • Nash G. The Subversive Male: Homosexual and Bestial Images on European Mesolithic Rock Art, in Indecent Exposure: Sexuality, Society and the Archaeological Record, 2001.
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