«Liebespaar» in der Eremitage: ein iranisches Gemälde mit geschlechtlicher Mehrdeutigkeit

Ein anonymes iranisches Gemälde aus dem frühen 19. Jahrhundert, auf dem eine Schönheit und ein bartloser Jüngling kaum zu unterscheiden sind.

  • Redaktion
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«Liebespaar» in der Eremitage: ein iranisches Gemälde mit geschlechtlicher Mehrdeutigkeit

Das Gemälde Amorous Couple (Liebespaar) ist ein anonymes iranisches Werk aus dem frühen 19. Jahrhundert aus der Sammlung der Staatlichen Eremitage, Inventarnummer VP-1156. Es wurde in Öl auf Leinwand gemalt und misst 131,5 × 77 cm. In den Museumsbeschreibungen wird es auf den Anfang des 19. Jahrhunderts datiert.

Liebespaar (Amorous Couple), anonyme iranische Malerei, Anfang des 19. Jahrhunderts. Staatliche Eremitage.
Liebespaar (Amorous Couple), anonyme iranische Malerei, Anfang des 19. Jahrhunderts. Staatliche Eremitage.

Ursprünglich wurde das Gemälde für einen der Säle eines Palasts angefertigt. Sein Format entsprach einer Nische mit abgerundeten oberen Ecken. Später wurde der obere Teil der Leinwand ergänzt, sodass sie rechteckig wurde.

Das Gemälde wird im Saal 397 der persischen Sammlung des Museums ausgestellt.

Eine höfische Liebesszene

Das Motiv zeigt eine für die frühkadscharische Malerei typische Szene mit einem Liebespaar. Die kadscharische Kunst bezeichnet die Kunst Irans aus der Epoche der Kadscharen-Dynastie, die vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert herrschte.

Für die höfische Malerei dieser Zeit sind Darstellungen von Liebenden charakteristisch, die auf einem Teppich in einer konventionellen dekorativen Umgebung sitzen. Die Eremitage ordnet dieses Gemälde genau dieser iranischen höfischen Tradition des frühen 19. Jahrhunderts zu.

Die Gesichter beider Figuren sind idealisiert, dem Betrachter zugewandt und gleichen einander nahezu. In der Museumsbeschreibung wird ein Detail hervorgehoben: Die Schönheit reicht ihrem Begleiter ein Glas Wein, doch die Richtung ihrer Blicke scheint mit dieser Handlung nicht verbunden zu sein.

Der bartlose Jüngling und die geschlechtliche Mehrdeutigkeit

Das zentrale ikonographische Merkmal des Gemäldes betrifft die männliche Figur. In der Museumsbeschreibung wird diese Person als birish bezeichnet — ein bartloser, femininer junger Mann. Er hat lange Locken, betonte Wimpern und mit Henna gefärbte Hände. Der birish ist rechts dargestellt, die Frau links.

Dies hängt mit einer Besonderheit der visuellen Kultur des kadscharischen Iran zusammen: männliche und weibliche Schönheit wurden nahezu identisch dargestellt, und das Geschlecht einer Figur wurde nicht am Gesicht, sondern am Kontext, an der Haltung und an den Details der Kleidung abgelesen. Im Fall des Eremitage-Gemäldes schreibt das Museum, dass der Betrachter ein Liebespaar sieht, bei dem eine der Figuren ein bartloser Jüngling — ein birish — ist.

Ein moderner Betrachter kann diese Szene als Darstellung zweier Frauen wahrnehmen, und eine solche queere Interpretation ist möglich. Wissenschaftlich korrekter ist es jedoch, von einer geschlechtlich mehrdeutigen Liebesszene zu sprechen.

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