Eine mögliche Szene gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehrs aus dem Alten Ägypten — Das erotische Ostrakon
Zwei Männer oder ein Mann und eine Frau?
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Was ein Ostrakon ist
Ein Ostrakon ist eine Tonscherbe — meist von einem Tongefäß — oder ein kleines Steinfragment, das in der Antike zum Schreiben und Zeichnen verwendet wurde. Papyrus war teuer und nicht immer verfügbar, deshalb griff man für Notizen, Entwürfe und Übungen auf leicht zugängliche Materialien zurück. Ostraka sind aus Ägypten, dem antiken Griechenland und anderen Regionen der antiken Welt bekannt.
Auf Ostraka finden sich Haushaltsabrechnungen, Schreiberübungen, Darstellungen von Göttern und Tieren und gelegentlich komische oder anstößige Szenen.
Das hier betrachtete Ostrakon befindet sich im Britischen Museum. Es besteht aus Kalkstein und wird auf etwa 1295–1070 v. Chr. datiert — die Epoche des Neuen Reiches, eine Zeit großer Bauprojekte und politischer Macht Ägyptens unter den Pharaonen der 19. und 20. Dynastie.
Das Ostrakon wurde in Deir el-Medina gefunden, einer Handwerkersiedlung in der Nähe der antiken Stadt Theben, im Gebiet des heutigen Luxor. Dort lebten Maler, Steinmetze und Schreiber, die an der Ausschmückung der Königsgräber arbeiteten.
Die Bewohner von Deir el-Medina zeichneten sich durch ein hohes Maß an Schriftkundigkeit, Kenntnis religiöser Texte und zeichnerisches Können aus. Für Übungen und alltägliche Notizen benutzten sie häufig Steine und Tonscherben.

Eine Szene gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehrs
Auf dem Ostrakon sind in schwarzer Farbe zwei Personen in einer intimen Szene dargestellt. Daneben steht eine kurze Inschrift in altägyptischer Sprache: „Eine zufriedene Vorhaut — ein zufriedener Mann.“ Der Ton wirkt wie ein Witz und zeigt, dass das Reden über Körper und Sexualität im Alten Ägypten direkt und ironisch sein konnte.
Wer genau abgebildet ist, bleibt umstritten. Ein Teil der Forscher sieht einen Mann und eine Frau. Die Figur, die man als weiblich deuten könnte, wirkt androgyn: die Brust ist kaum angedeutet, das Haar ist kurz. Möglicherweise legte der Zeichner keinen Wert darauf, weibliche Merkmale besonders hervorzuheben, in der Annahme, dass Haltung und Kontext die Bedeutung hinreichend verdeutlichen würden.
Eine andere Gruppe von Forschern geht davon aus, dass es sich um zwei Männer handelt. In diesem Fall ließe sich die Szene als homoerotisch deuten. Die Figur in der empfangenden Rolle sieht wie ein Jüngling aus: bartlos und ohne betonte Muskulatur. Die Darstellung ist jedoch schematisch, sodass sich das Geschlecht der Figuren allein anhand des Bildes nicht mit Sicherheit bestimmen lässt.
Die endgültige Antwort wird wohl unbekannt bleiben, es sei denn, es werden neue vergleichbare Darstellungen oder Inschriften entdeckt. Diese Art von Ungewissheit ist in der Archäologie üblich: Je älter ein Gegenstand, desto weniger Kontext bleibt erhalten und desto größer der Spielraum für Deutungen.
🏺 LGBT-Geschichte des Alten Ägypten
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