Die Statue von Idet und Ruiu — Lesben im alten Ägypten?

Verwandtschaft oder Partnerschaft — was Titel und Haltung verraten.

Die Statue von Idet und Ruiu — Lesben im alten Ägypten?

Diese Skulptur stammt aus dem Neuen Reich des alten Ägypten, aus der Zeit der 18. Dynastie — etwa zwischen 1480 und 1390 vor unserer Zeitrechnung. Es war die Epoche der größten Machtentfaltung Ägyptens: Das Land erweiterte seine Grenzen, errichtete große Tempel und brachte zahlreiche Kunstwerke hervor. Die Kunst dieser Zeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie traditionelle Formen bewahrte und zugleich den individuellen Zügen der dargestellten Personen Aufmerksamkeit schenkte.

Man nimmt an, dass die Skulptur in Theben gefertigt wurde, im Gebiet von Deir el-Medina. Theben war damals eines der wichtigsten religiösen und politischen Zentren Ägyptens. Deir el-Medina war eine Siedlung von Handwerkern und Malern, die am Bau und an der Ausschmückung der Königsgräber arbeiteten.

Die Skulptur ist aus Kalkstein gearbeitet — einem weichen Gestein, das in Ägypten für Kleinplastik weit verbreitet war. Ursprünglich waren die Figuren leuchtend bemalt: Altägyptische Statuen waren fast immer mit polychromer Bemalung versehen, die jedoch im Laufe der Zeit in der Regel verloren ging.

Der Name des Bildhauers ist nicht bekannt. Für die Kunst des alten Ägypten, insbesondere für kleinere Porträtstatuen der 18. Dynastie, ist das eine durchaus gewöhnliche Situation.

Die Skulptur gelangte im 19. Jahrhundert ins Museum und wurde Teil des sogenannten Alten Bestands, der zwischen 1824 und 1888 zusammengetragen wurde. Genaue Angaben darüber, wer die Statue entdeckte und unter welchen Umständen, sind nicht erhalten.

Heute wird die Skulptur im Museo Egizio in Turin aufbewahrt, einer der größten Sammlungen altägyptischer Kunst außerhalb Ägyptens. Im Museumskatalog ist sie unter der Inventarnummer Cat. 3056 verzeichnet.

Die Beziehung zwischen Idet und Ruiu — verwandtschaftlich oder romantisch?

Die Statue zeigt zwei nebeneinander sitzende Frauen: Idet und Ruiu. Der Name Idet wird in englischsprachigen Museumsbeschreibungen manchmal als Idu wiedergegeben.

Idet sitzt rechts, auf der Ehrenseite: In der altägyptischen Ikonografie galt die rechte Seite als die prestigeträchtigere Position. In der Inschrift wird sie als „Herrin des Hauses" bezeichnet, auf Ägyptisch nbt pr („nebet per"). Dieser Titel bezeichnete in der Regel eine verheiratete Frau, die Herrin eines Haushalts, und wies auf ihren gesellschaftlichen Status hin. Ruiu hingegen trägt in der Inschrift keinen Titel.

Beide Frauen sind in enger körperlicher Nähe dargestellt: Die eine umarmt die andere und legt ihr den Arm um den Rücken. Diese Haltung ist von Denkmälern der 18. Dynastie gut bekannt und findet sich am häufigsten bei Darstellungen von Ehepaaren, die nebeneinander sitzen. Gleichwohl erscheint Idet nach der Gesamtheit der Merkmale als die ranghöhere Figur: Sie nimmt den Ehrenplatz ein, trägt einen Titel und besitzt nach der Soziallogik des alten Ägypten bereits eine gefestigte Stellung. Ruiu dagegen ist als jüngere Figur ohne Titel dargestellt.

Auf der Rückseite der Skulptur sind beiderseits Opferformeln an den Gott Osiris eingemeißelt. In der altägyptischen Religion war Osiris der Herrscher der Unterwelt und Richter der Toten. Die Inschriften enthalten die übliche Grabformel: „An Osiris, Herrn der Ewigkeit, [er möge gewähren] alles Gute und Reine und den angenehmen Nordwind dem Ka (“Seele”) der Herrin des Hauses Idet, gerechtfertigt", sowie einen analogen Text, der an Ruiu gerichtet ist. Das Wort „gerechtfertigt" zeigt, dass beide Frauen bereits verstorben waren und beim Totengericht für gerecht befunden worden waren. Die Statue hatte also Gedenkcharakter und war für ihr Andenken bestimmt.

Die Museumsbeschreibungen weisen darauf hin, dass die Verwandtschaftsbeziehung zwischen Idet und Ruiu in den Inschriften nicht angegeben ist. Die Texte sagen nicht, ob sie Mutter und Tochter, Schwestern oder Gattinnen waren. Kein bekannter Ägyptologe behauptet ausdrücklich, dass es sich um eine romantische oder sexuelle Beziehung zweier Frauen handelt.

Solche Darstellungen sind äußerst selten, aber nicht einzigartig. Es sind mindestens zwei enge Parallelen bekannt. Eine Statuette befindet sich in Kopenhagen, in der Ny Carlsberg Glyptotek (Æ.I.N. 586), eine weitere im Königlichen Museum Mariemont (81/9). Die Kopenhagener Statuette trägt keine Inschriften. Die Statuette aus Mariemont, die an den Beginn der 18. Dynastie datiert wird, hat einen Text bewahrt. Die rechts sitzende Frau wird dort als „Herrin des Hauses Hetepet (Hetepet)" bezeichnet, die links sitzende als „ihre Tochter" Moutouy, ebenfalls ohne weitere Titel. Diese Kombination — Titel für die Ältere, kein Titel für die Jüngere und eine analoge Haltung — lässt vermuten, dass auch auf der Turiner Statuette Ruiu höchstwahrscheinlich die Tochter von Idet ist.

Zugleich verdient die Unbestimmtheit der Inschriften selbst Beachtung. Auf altägyptischen Denkmälern wurden Verwandtschaftsverhältnisse in der Regel dann festgehalten, wenn sie für Status, Erbschaft oder die korrekte Totenehrung von Bedeutung waren. Wenn eine Beziehung nicht in die übliche Sprache der öffentlichen Selbstdarstellung passte, konnte sie einfach unerwähnt bleiben. Das geschah nicht unbedingt, weil eine solche Beziehung im modernen Sinne „verboten" gewesen wäre, sondern weil die ägyptische Epigrafik gesellschaftlich lesbare Rollen bevorzugte: Ehefrau, Tochter, Schwester.

Aus dieser Perspektive lässt sich eine andere Deutung theoretisch nicht vollständig ausschließen. Vor uns könnten zwei Frauen stehen, deren Nähe partnerschaftlicher oder romantischer Natur war, aber durch eine universelle Geste der Zuneigung ausgedrückt wurde, die mehrere Lesarten zuließ und bei den Zeitgenossen keine Fragen aufwarf.

Der vorsichtigste Schluss lautet: Die Erklärung „Mutter und Tochter" bleibt die wahrscheinlichste, gestützt durch bekannte Parallelen. Doch die Verbindung aus intimer Haltung und dem Schweigen der Inschriften lässt Raum für alternative Deutungen — einschließlich der Möglichkeit, dass diese beiden Frauen ein Paar waren, dargestellt auf eine Weise, die als gesellschaftlich akzeptabel wahrgenommen werden konnte, ohne dass die Art ihrer Beziehung ausdrücklich benannt werden musste.

Idet und Ruiu
Idet und Ruiu

Literatur und Quellen
  • Arnette, Marie-Lys. La gémellité biologique dans l’Egypte ancienne: synthèse des cas potentiels. 2017.
  • Dief, Shaima. Ancient Egyptian Hybrid Deities in Visual Form as Mediator in Cultural Transmission. 2023.
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