Neue Biografie der walisischen Dichterin Katherine Philips aus dem 17. Jahrhundert verankert ihr Werk im lesbischen Kanon
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Im Vereinigten Königreich ist eine umfassende Biografie der walisischen Historikerin Norena Shopland mit dem Titel „Meine Liebe übertrifft alle Liebe: Das bemerkenswerte Leben und die Zeit der Dichterin des 17. Jahrhunderts Katherine Philips“ (My Love All Love Excels: The Remarkable Life and Times of 17th-Century Poet, Katherine Philips) erschienen. Das beim walisischen Verlag Parthian Books publizierte und für den 12. November 2026 in den Vereinigten Staaten angekündigte Werk widmet sich der Dichterin Katherine Philips (1632–1664), die von ihren Zeitgenossen als „Die unvergleichliche Orinda“ gerühmt und in der Literaturgeschichte als „Walisische Sappho“ bezeichnet wurde.
Wie der Gründer des LGBT-Geschichtsmonats in den USA, Rodney Wilson, im Fachmedium LGBTQ Nation darlegt, wurde das literarische Erbe der Dichterin über fast drei Jahrhunderte hinweg von Historikern und Philologen systematisch heteronormativ vereinnahmt. Die akademische Rezeption bemühte sich beharrlich darum, Philips von Sapphos Ruf gleichgeschlechtlicher Liebe zu trennen und ihre leidenschaftlichen Gedichte an Frauen ausschließlich als keusche Übungen christlich-neuplatonischer Freundschaft zu deuten. Während jede Zuneigung zu Männern als eindeutiger Beleg für Heterosexualität gewertet wurde, verlangte man für gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen Nachweise, die in Archiven des 17. Jahrhunderts naturgemäß kaum zu finden sind.
Die Recherchen von Norena Shopland belegen, dass das Leben von Katherine Philips (geborene Fowler) bereits seit ihren Internatsjahren in London von tiefen emotionalen Bindungen zu Frauen geprägt war. In ihren Jugendgedichten erteilte sie den Konventionen einer traditionellen Ehe eine klare Absage und stellte ihrer dichterischen Unabhängigkeit die Last „lärmender Ehemänner“, „Geburtswehen“ und „weinender Kinder“ gegenüber. Nach der dritten Heirat ihrer verwitweten Mutter mit dem vermögenden walisischen Grundbesitzer Richard Philipps zog Katherine nach Wales und lebte auf Picton Castle in Pembrokeshire. 1648 ging sie eine pragmatische Ehe mit James Philipps ein, dem verwitweten Mann ihrer verstorbenen Halbschwester. Die Verbindung war von starken Differenzen überschattet: Ihr Ehemann stand im Englischen Bürgerkrieg auf der Seite des puritanischen Parlaments, während Katherine zeitlebens eine loyale Anhängerin der Stuart-Monarchie blieb.
Um der geistigen Isolation zu entkommen, rief die Dichterin die „Gesellschaft der Freundschaft“ (Society of Friendship) ins Leben — einen intellektuellen Kreis walisischer und englischer Gelehrter, die unter arkadischen Pseudonymen Gedichte und Briefe austauschten. Philips selbst wählte den Namen Orinda (vermutlich inspiriert von Olinda, einer Bühnenfigur, die sich in eine als Mann verkleidete Frau verliebt). Das Zentrum ihres poetischen Schaffens bildeten innige Gedichte an enge Freundinnen, allen voran Anne Owen (Lucasia) und Mary Aubrey (Rosania). Indem sie die sinnliche Bildsprache der zeitgenössischen männlichen homoerotischen Lyrik aufgriff, schuf Philips Werke von hoher Intensität; bei Entfremdungen formulierte sie Zeilen voller Schmerz, in denen sie frühere Gefährtinnen als „schöne Abtrünnige“ und „Mörderinnen der Liebe“ anklagte.
Auch in der Theatergeschichte setzte Philips Maßstäbe: Ihre Versübersetzung von Pierre Corneilles Tragödie „Der Tod des Pompejus“, 1663 in Dublin uraufgeführt, war das erste Stück einer Autorin, das auf einer professionellen kommerziellen Bühne in Großbritannien und Irland inszeniert wurde. Sie starb im Juni 1664 im Alter von nur 32 Jahren in London an den Pocken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die amerikanische Dichterin Louise Imogen Guiney (1861–1920) erstmals auf Philips als vergessene queere Stimme aufmerksam. Shopland betont zwar, dass der moderne Begriff „lesbisch“ nicht unreflektiert auf das 17. Jahrhundert übertragen werden kann, zeigt jedoch, dass Philips’ Lyrik bei heutigen Leserinnen eine unmittelbare emotionale Resonanz erzeugt und ihren festen Platz im lesbischen Literaturkanon begründet.
Biografin Norena Shopland ist eine renommierte walisische Historikerin und Verfasserin von zehn Büchern zur Regionalgeschichte. 2021 beriet sie die walisische Regierung bei der Einbindung queerer Geschichte in Museen und Bibliotheken, und 2022 koordinierte sie den Aufbau frei zugänglicher Online-Archive zur LGBTQ+-Geschichte für alle 22 walisischen Grafschaften. Die Buchpremiere fand in der Nationalbibliothek von Wales in Aberystwyth sowie auf Picton Castle statt.
Historische Aspekte gleichgeschlechtlicher Frauenliteratur wurden auf „Uránia“ bereits mehrfach beleuchtet: Die Dichterin Anne Carson schlug mit ihren Sappho-Übertragungen eine Brücke zur Gegenwart, die Pariser sapphischen Salons wurden in der Rezension zu „Gedächtnisprobe“ dargestellt und methodische Fragen queerer Textarchive im Werk von Stephanie Andrea Allen „Wir müssen uns jetzt selbst dokumentieren“ erörtert.


