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Schwedische Kirche: 126 lutherische Geistliche wehren sich gegen Traupflicht für gleichgeschlechtliche Paare

Kirche der EFS-Gemeinde in Östersund im mittleren Schweden. Foto: efsostersund.se
Kirche der EFS-Gemeinde in Östersund im mittleren Schweden. Foto: efsostersund.se

Im Oktober 2026 ist in der evangelisch-lutherischen Kirche von Schweden (Svenska kyrkan) eine intensive Debatte über Gewissensfreiheit und Amtsdisziplin entbrannt: 126 ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer forderten in einem offenen Brief an das Kirchenparlament (Kyrkomötet), das Recht einzelner Geistlicher beizubehalten, gleichgeschlechtliche Trauungen aus Gewissensgründen ablehnen zu dürfen. Als Reaktion darauf verfassten über hundert Pfarrer einen Gegenappell, in dem sie ein Ende dieser Ausnahmeregelung und eine ausnahmslose Traupflicht fordern.

Wie die italienische Tageszeitung Avvenire berichtet, entzündete sich der Streit an dem von fünf Fraktionen eingebrachten Antrag 2026:76, der den seit 2009 geltenden Kompromiss aufheben will. Vor siebzehn Jahren hatte die schwedische Kirche die kirchliche Trauung für homosexuelle Paare eingeführt, dabei jedoch ein Doppelprinzip verankert: Die Kirchengemeinde ist verpflichtet, eine Trauung anzubieten, der einzelne Pfarrer darf den Dienst jedoch ablehnen, wenn er seinem Schriftverständnis widerspricht. Der zuständige Ausschuss empfahl zwar vordergründig die Ablehnung des aktuellen Antrags, beauftragte die Kirchenleitung (Kyrkostyrelsen) jedoch damit, bis 2028 Vorlagen zur schrittweisen Verwirklichung dieses Ziels zu erarbeiten. Die 251 Synodalen werden bei ihrer Tagung vom 16. bis 18. November 2026 endgültig entscheiden.

Initiiert wurde das Schreiben der 126 Geistlichen von der 38-jährigen Gemeindepfarrerin Sunniva Rindi Rettinger aus Döderhult im Bistum Linköping. Die Unterzeichnenden betonen, dass ein Festhalten am traditionellen Verständnis der Ehe zwischen Mann und Frau weder mangelnde Kirchentreue noch Geringschätzung bedeute. Bemerkenswert ist, dass etliche der Unterzeichner selbst gleichgeschlechtliche Paare trauen, den Brief jedoch aus Solidarität mit ihren konservativen Kollegen unterzeichneten, um theologische Vielfalt zu wahren und Entlassungen aus dem Pfarramt («avkragning») abzuwenden. Zudem sei ein Trauzwang für queere Paare entwürdigend, da sie ein Anrecht auf einen ehrlichen priesterlichen Segen hätten und nicht auf eine erzwungene Pflichtzeremonie. Dagegen betonten 117 Pfarrer im Gegenbrief, uneingeschränkte Offenheit für alle Menschen gehöre zum unveränderlichen Auftrag der Kirche.

Die Auseinandersetzung berührt auch die künftigen Weiheordnungen. Im Frühjahr 2026 legte das Bischofskollegium das Grundsatzpapier Vägar framåt («Wege nach vorn») vor, das als Ziel formuliert, künftig nur noch Kandidaten zu ordinieren, die bereit sind, heterosexuelle und homosexuelle Paare gleichermaßen zu trauen. Dagegen regt sich Widerstand bei traditionsreichen Erweckungsbewegungen wie der 1856 gegründeten Evangelischen Vaterlandsstiftung (Evangeliska Fosterlands-Stiftelsen, EFS) oder der charismatischen Oas-Bewegung. Diese Gruppen erfreuen sich vor allem unter jungen Theologiestudierenden reger Beliebtheit, etwa an der Theologischen Hochschule Johannelund in Uppsala, die steigende Bewerberzahlen für das Pfarramt verzeichnet.

Die Schwedische Kirche ist mit rund 5,4 Millionen Mitgliedern (etwa der Hälfte der Bevölkerung) die größte lutherische Körperschaft Europas. Sie umfasst 13 Diözesen unter der Leitung des Erzbischofs von Uppsala, Martin Modéus. Seit dem Jahr 2000 vom Staat getrennt, gilt sie als Vorreiterin gesellschaftlicher Liberalität: Die Frauenordination besteht seit 1960, die erste Bischöfin wurde 1997 geweiht.

Zuvor beleuchtete Urania den historischen Weg Schwedens zur Gleichberechtigung in einem Beitrag über die Entpathologisierung der Homosexualität 1979 und die damit verbundenen gesellschaftlichen Narrative. Das Portal berichtet fortlaufend über theologische Debatten zu christlicher Sexualethik, darunter Modelle des Center for Faith zur pastoralen Begleitung queerer Gläubiger in konservativen Kirchen sowie Auseinandersetzungen um europäische Segnungsrichtlinien für gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

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