Russland verurteilt LGBT-Aktivisten Jaroslaw Sirotkin in Abwesenheit zu vier Jahren Haft

Das Bezirksgericht Kirowski in Jaroslawl hat den russischen LGBT-Aktivisten Jaroslaw Sirotkin am 30. September in Abwesenheit zu vier Jahren in einer Strafkolonie allgemeinen Regimes verurteilt. Laut Mediazona befand ihn das Gericht der Verletzung der Pflichten eines sogenannten ausländischen Agenten sowie der Beteiligung an einer in Russland als extremistisch eingestuften Organisation für schuldig.
Das Gericht verhängte außerdem sechs Monate Freiheitsbeschränkung und untersagte Sirotkin für zwei Jahre die Verwaltung von Websites. Angeklagt war er nach Teil 2 des Artikels 330.1 und Teil 2 des Artikels 282.2 des russischen Strafgesetzbuchs. Sirotkin hält sich außerhalb Russlands auf; das Verfahren fand daher ohne ihn statt.
Nach Darstellung der Ermittler beteiligte sich Sirotkin an der vom russischen Obersten Gericht als extremistisch eingestuften „internationalen öffentlichen LGBT-Bewegung“, indem er vom 26. April 2024 bis zum 6. Oktober 2025 von Frankreich aus den Telegram-Kanal „LGBT+ eshnik“ betrieb. Mindestens 22 Beiträge zu LGBT-Themen galten als zentrale Beweise. Sie hätten Informationen über die Bewegung verbreitet, eine positive Haltung zu ihr gefördert und neue Teilnehmer angeworben, berichtete First Department .
Ein weiterer Teil des Verfahrens betraf den Sirotkin im April 2022 auferlegten Status als ausländischer Agent. Er versah seine Beiträge nicht mit der gesetzlich vorgeschriebenen Kennzeichnung und reichte keine Pflichtberichte ein. Nach zwei Verwaltungsgeldbußen eröffnete das Ermittlungskomitee am 29. Dezember 2023 ein Strafverfahren.
Im April 2026 stufte das Regionalgericht Jaroslawl zudem die von Sirotkin gegründete LGBT-Initiative „Callisto“ als extremistisch ein. Das dabei verwendete Gutachten untersuchte denselben Telegram-Kanal. Nach Angaben von First Department sahen die Gutachter Anzeichen extremistischer Tätigkeit unter anderem in den Wörtern „Verfolgung“, „Zensur“ und „beispielloser Druck“, außerdem in Gedenkveranstaltungen und Bezeichnungen für LGBT-Gruppen. Rechtsanwalt Maks Olenitschew, der die Position der Verteidigung darlegte, bezeichnete das Gutachten als unbegründet und das Verfahren als politisch motiviert. Eine öffentliche Reaktion der Anklage auf diese Einschätzung lag bei Veröffentlichung nicht vor.
Sirotkin verließ Russland 2022. Zuvor veranstaltete er in Jaroslawl Einzelmahnwachen und andere öffentliche Aktionen und leitete „Callisto“. Nach seiner Ausreise arbeitete er zeitweise in einer Unterkunft für LGBT-Emigranten in Armenien und zog später nach Frankreich.
„Urania“ berichtete bereits, dass das russische Justizministerium „Callisto“ in die Liste extremistischer Organisationen aufnahm .


