Inhaftierte türkische LGBT-Aktivistin Nedime Erdoğan ruft Eltern zur Unterstützung ihrer Kinder auf
Am 28. September hat Nedime Erdoğan, Vorstandsmitglied der türkischen LGBT-Organisation Kaos GL und Gründerin des Ankaraer Vereins der Regenbogenfamilien (GALADER), aus der geschlossenen Frauenhaftanstalt Sincan schriftlich Fragen von Bianet beantwortet . Sie befindet sich dort in Untersuchungshaft. Erdoğan rief Eltern dazu auf, ihre LGBT-Kinder nicht im Stich zu lassen, und sagte, Verständnis und Unterstützung könnten ein Leben retten.
Erdoğan wurde im Ankaraer Teil der am 12. September begonnenen Operation „Meine Familie ist sicher“ (Ailem Güvende) in Untersuchungshaft genommen. Nach Angaben des türkischen Justizministeriums betrafen die Verfahren in 15 Provinzen 162 Verdächtige, neun Vereine und 13 Unternehmen. Die Staatsanwaltschaften in Istanbul, Ankara, İzmir, Aydın und Mersin koordinierten die Operation.
Justizminister Akın Gürlek erklärte, die Behörden wollten Kinder, die Familie und die öffentliche Ordnung schützen. Die verschiedenen Ermittlungsstränge betreffen die mutmaßliche Bildung einer kriminellen Vereinigung, Förderung der Prostitution, Verbreitung obszönen Materials und Drogendelikte. Die Behörden behaupteten außerdem, Minderjährige seien in Fragen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität beeinflusst worden, und überprüften die Auslandsfinanzierung von Vereinen. Dies sind Vorwürfe der Ermittler: Bianet berichtete weder über eine persönliche Anklage noch über eine Verurteilung Erdoğans.
Im Interview sagte Erdoğan, die Familie könne LGBT-Menschen schützen, auch wenn Angehörige selbst Gewalt ausüben könnten. Gesellschaft und Familienformen veränderten sich; eine Familie entstehe „nicht nur durch Blutsverwandtschaft“, sondern auch durch Solidarität, Liebe und Unterstützung. Sie wies die Darstellung von LGBT-Menschen als familienfeindlich zurück und betonte die Bedeutung von Wahlfamilien für Menschen, die von Angehörigen abgelehnt werden.
Menschenrechtsmedien zählten bis zum 17. September 116 Festnahmen, darunter 44 LGBT-Menschenrechtsverteidiger; Gerichte ordneten für 82 Personen Untersuchungshaft an. LGBT-Organisationen erklärten, ihre rechtmäßige Arbeit habe keinen konkreten Zusammenhang mit den vorgeworfenen Straftaten, und sprachen von einer Kriminalisierung der Menschenrechtsarbeit. Offizielle Mitteilungen verknüpfen die Operation dagegen mit Ermittlungen zu konkreten mutmaßlichen Straftaten.
Kaos GL ist seit 1994 in Ankara tätig und verbindet Menschenrechtsarbeit mit einem LGBT-Nachrichtenmedium. GALADER bringt Eltern und Angehörige von LGBT-Menschen zusammen und bietet Familientreffen und Beratung an; die Gruppe trifft sich seit 2010 und wurde 2019 als Verein registriert.
„Urania“ berichtete bereits über den Beginn der Operation und die Sperrung von LGBT-Angeboten sowie über die nach den Massenverhaftungen gegründete Kampagne „Wir fordern Freiheit“ .


