Russischer Verlag Individuum gibt Schließung nach Strafverfahren wegen „LGBT-Extremismus“ bekannt
Am Montag, den 28. September 2026, gab der russische Sachbuchverlag Individuum die Einstellung seiner Geschäftstätigkeit bekannt. Dies teilte Chefredakteur Alexej Kisseljow auf dem offiziellen Telegram-Kanal des Verlags mit. Die in den vergangenen Monaten vorbereiteten Bücher würden „auf jeden Fall erscheinen“, nun jedoch bei anderen Verlagen.
In seiner Abschiedsbotschaft zitierte Kisseljow den Dichter Alexander Wwedenski und bezeichnete das Ende als „plötzlich, aber nicht unerwartet“, ohne konkrete Gründe für die Schließung zu nennen. Der 2015 gegründete Verlag Individuum war auf gesellschaftspolitische Literatur, soziologische Studien, Biografien und populärwissenschaftliche Werke spezialisiert. 2023 übernahm Russlands größte Verlagsgruppe Eksmo die Kontrolle über Individuum und den angeschlossenen Jugendbuchverlag Popcorn Books; im Dezember 2024 wurde die juristische Person vollständig mit der Holding verschmolzen.
Die Schließung folgt auf monatelangen Druck der Behörden auf die russische Buchbranche und strafrechtliche Verfolgungen von Verlagsmitarbeitern. Im Zentrum der Angriffe stand der Schwesterverlag Popcorn Books, der den Bestseller-Roman Ein Sommer im Pionierhalstuch von Elena Malisowa und Katerina Silwanowa über die Liebesbeziehung zwischen einem Jugendlichen und einem Betreuer in einem sowjetischen Ferienlager veröffentlicht hatte. Nach der Verschärfung des Gesetzes gegen „LGBT-Propaganda“ Ende 2022 und der Einstufung der „internationalen LGBT-Bewegung“ als extremistische Organisation durch das Oberste Gericht Russlands im November 2023 wurden queere Bücher aus dem Handel genommen; Popcorn Books stellte den Betrieb im Januar 2026 ein.
Im Mai 2025 leiteten die russischen Strafverfolgungsbehörden wegen des Vertriebs queerer Bücher ein Strafverfahren wegen Organisation einer extremistischen Vereinigung (Art. 282.2 StGB der RF) ein. Wie Uránia zuvor berichtete , verurteilte das Samoskworezki-Bezirksgericht in Moskau im August 2026 drei Angeklagte — den ehemaligen Geschäftsführer von Individuum Dmitri Protopopow, den früheren Vertriebsleiter von Popcorn Books Pawel Iwanow und den Lagerleiter Artjom Wachljajew — nach Geständnissen und Kooperation mit den Ermittlern zu je vier Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung.


