Eine griechische Inschrift über Sex zwischen zwei Männern auf einem Krug aus dem antiken Italien

Ein Fund aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. aus Salerno, auf dem ein Grieche und ein Etrusker als Sexualpartner genannt werden.

Inhalt
Serie 🏺 LGBT-Geschichte des antiken Roms und der Etrusker
Ein dunkler Tonkrug mit hohem Henkel und zwei Zeilen eingeritzter Buchstaben

1963 fand man in der Nekropole der antiken Siedlung Fratte im heutigen Salerno in Süditalien einen kleinen Weinkrug aus Ton, eine Olpe. Vier kurze griechische Sätze sind darauf eingeritzt. Sie erzählen, wer wen liebt und wer wen begehrt. Einer besagt, dass ein Mann namens Wolchas mit einem anderen Mann, Apollodoros, Analsex hat.

Die Olpe entstand in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. in der griechischen Stadt Poseidonia und wurde in einem Grab in einer benachbarten Siedlung gefunden, in der Etrusker lebten. Die Inschrift gibt einen seltenen Einblick in das Zusammenleben von Griechen, Etruskern und einheimischen italischen Völkern.

Was steht auf dem Krug?

Die Inschrift verläuft in zwei Zeilen um den Gefäßkörper. Die Buchstaben sind von rechts nach links geschrieben. Sophie Pérard, die zur etruskischen Kultur forscht, beschreibt den Aufbau so: Jede Zeile teilt sich in zwei Hälften, die sich von der Mitte aus in entgegengesetzten Richtungen lesen lassen und einander spiegeln.

Olpe mit griechischer Inschrift aus Grab 26/1963 in Fratte. Abbildung aus der Arbeit des Archäologen Edward G. D. Robinson (2011, S. 65, Abb. 4.12) nach einer Zeichnung aus einer Veröffentlichung der Archäologin Angela Pontrandolfo.

Es folgt die Lesung des Inschriftenkundlers Luigi Vecchio in geläufigen griechischen Buchstaben, mit einem Satz pro Zeile.

Ἀπολλόδωρος · Ξύλλας · ἔραται
Ϝόλχας · ἀπύγιζε · Ἀπολλόδωρον
Ὀνάτας · Νιξῶς · ἔραται
Ὕβριχος · Παρμύνιος · ἤραται

In der Umschrift mit lateinischen Buchstaben steht w für den altgriechischen Buchstaben Ϝ (Digamma). Der Strich über ē und ō kennzeichnet einen langen Vokal.

Apollodōros · Xyllas · eratai
Wolchas · apygize · Apollodōron
Onatas · Nixōs · eratai
Hybrichos · Parmynios · ēratai

Die folgende Übersetzung beruht auf der Lesung der Archäologin Angela Pontrandolfo, die Airton Pollini, Historiker des antiken Griechenlands, anführt.

Apollodoros begehrt Xylla.
Wolchas dringt in Apollodoros ein.
Onatas begehrt Nixo.
Hybrichos liebte Parmynis.

Das Verb ἔραται (eratai) im ersten und dritten Satz drückt verliebtes oder sexuelles Begehren aus und wird mit „liebt“ oder „begehrt“ übersetzt. Im vierten Satz steht ἤραται (ēratai), das Pollini und Pérard in der Vergangenheit wiedergeben: „liebte“, „begehrte“.

Das derbste Wort der Inschrift, ἀπύγιζε (apygize), steht im zweiten Satz. Der klassische Philologe Giovanni Cerri hielt es für eine seltene Form von πυγίζω (pygizō), „anal eindringen“. Die ungewöhnliche Form erklärte er mit einer Verkürzung der Vorsilbe und anschließenden Lautveränderungen. Er ordnete sie der obszönen Umgangssprache der Zeit zu.

Die Grammatik legt die Rollen fest. Wolchas handelt, Apollodoros ist der empfangende Partner. Sein Name steht im Akkusativ.

Wer sind diese sieben Menschen?

Die vier Sätze nennen sieben Menschen. Außer ihren Namen ist über sie nichts bekannt. Vielleicht kannten sie alle die Person, die den Krug in Auftrag gegeben hatte.

Apollodoros wird zweimal erwähnt, und aus den ersten beiden Sätzen ergibt sich eine kleine Geschichte. Die anderen Namen kommen je einmal vor. Pollini zählt fünf Männer und zwei Frauen.

Die Namen zeigen, dass Apollodoros und Onatas Griechen sind und Wolchas Etrusker ist. Sein Name ist die griechische Wiedergabe des etruskischen Namens Vulca. So hieß der Überlieferung nach der Handwerker aus Veji, der um 520–510 v. Chr. das Kultbild Jupiters für den Tempel auf dem Kapitol in Rom schuf.

Xylla und Nixo sind offenbar Frauen aus den einheimischen italischen Völkern. Pérard hält ihre Namen für einheimisch samnitisch. Man habe sie aber mit griechischen Buchstaben geschrieben und an die griechische Aussprache angepasst. Demnach geht es im ersten und dritten Satz um Griechen, die einheimische Frauen begehren.

Bei Hybrichos und Parmynis ist es schwieriger. Pollini fand keine überzeugenden griechischen Parallelen zu ihren Namen. Er hält sie für einheimische italische Namen und beide Personen für Männer. Dann käme zu Wolchas und Apollodoros im letzten Satz ein zweites gleichgeschlechtliches Männerpaar hinzu.

Der Philologe Renato Arena schlug 2006 eine andere Lesung vor. Ihm zufolge ist Parmynis (Πάρμυνις) eine Frau, die Geliebte des Hybrichos. Er leitete ihren Namen von griechischen Namen wie Paramone ab und erklärte den ungewöhnlichen Klang mit dem örtlichen Dialekt. Dann handelt der letzte Satz von der Liebe eines Mannes zu einer Frau. Ob die Inschrift ein oder zwei Männerpaare nennt, hängt davon ab, welcher Lesung man folgt.

Der Witz über Apollodoros

Cerri wies auf den Aufbau der ersten beiden Sätze hin. Im ersten begehrt Apollodoros Xylla. Im zweiten steht sein Name am Ende, nun als Name des Mannes, in den Wolchas eindringt. Der Abschnitt beginnt und endet mit Apollodoros. In zwei Sätzen wird aus dem, der jemanden umwirbt, derjenige, der genommen wird.

Cerri hielt das für einen Witz. Er ging von der altgriechischen Norm aus, nach der einem freien Mann die aktive Rolle zukam und es als beschämend galt, die empfangende Rolle einzunehmen. Der Witz besteht darin, dass Apollodoros einer Frau nachstellt und selbst unter Wolchas landet. Ein solcher Witz konnte laut Cerri bei einem Symposion, einem griechischen Trinkgelage mit Wein, laut erzählt werden.

Cerri verglich die Inschrift mit Gedicht 56 des römischen Dichters Catull, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte. Der Sprecher ertappt einen jungen Mann mit einer jungen Frau und hat sogleich selbst Sex mit ihm. Der Kunstgriff ist derselbe: Der Mann, der die Initiative ergriffen hat, wird selbst zum Objekt der Handlung. Cerri erklärte die Ähnlichkeit mit einem gemeinsamen mündlichen Vorrat an obszönen Sprüchen, Liedern und Witzen, die gelegentlich Eingang in schriftliche Texte fanden. Wenn das stimmt, bewahrt die Olpe eines der frühesten Beispiele.

Pérard erinnert auch an ein ähnliches lateinisches Motiv, fututor fututus, „der gefickt hat und selbst gefickt wurde“.

Cerri schlug vor, die ersten beiden Sätze auch als Verse zu lesen. Jeder zerfällt in zwei rhythmische Hälften, und die Versmaße ähneln denen von Volksliedern und Chorpassagen in den Komödien des Aristophanes. Wenn er recht hat, steht auf dem Krug ein obszöner Trinkvers über gleichgeschlechtlichen Sex.

Der Krug und das Festmahl

Die Olpe ist klein, mit rundlichem Bauch, engem Hals, einem Standfuß und einem einzelnen hohen Henkel, der über die Mündung hinausragt. Der Archäologe Edward Robinson beschreibt sie als teilweise mit einem Überzug versehen. Andere Forschende präzisieren, dass der Überzug schwarz ist. Das Gefäß trägt keine Bilder. Alles Erotische steckt in den Worten.

Den Herstellungsort bestimmten die Forschenden anhand des Tons und der Form, die beide auf Poseidonia weisen. Die Schrift bestätigt das. Die Inschrift verwendet die in dieser Stadt gebräuchliche lokale, sogenannte achäische Variante des griechischen Alphabets.

Die Buchstaben wurden vor dem Brennen in den noch feuchten Ton geritzt. Die Inschrift war also schon in der Werkstatt vorgesehen, und der Krug sollte mit ihr benutzt werden.

Beim Festmahl ging ein solcher Krug wohl von Hand zu Hand. Man nahm ihn am Henkel, drehte ihn und schenkte den Wein ein. Die Inschrift läuft um den Gefäßkörper, sodass man den Krug zum Lesen drehen musste.

Der Kunsthistoriker François Lissarrague vermutete, dass sich die Inschrift im Wein selbst wie in einem Spiegel lesen ließ.

Wo wurde die Olpe gefunden?

Die Etrusker beherrschten schon vor dem Aufstieg Roms den größten Teil Italiens. Sie hatten eigene Städte, eine eigene Religion und eine eigene Sprache, die weder mit dem Griechischen noch mit dem Lateinischen verwandt war. Viele ihrer Inschriften sind erhalten. Die Buchstaben lassen sich lesen, doch ihre Bedeutung ist nur teilweise erschlossen.

Rom übernahm vieles von den Etruskern und eroberte später ihre Städte.

Im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. lebten Etrusker auch in Kampanien, der Gegend um das heutige Neapel und Salerno.

Ihre Nachbarn waren Griechen und Italiker. Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten Griechen Städte in Süditalien und auf Sizilien, Gebieten, die später Großgriechenland genannt wurden. Um 600 v. Chr. gründeten Siedler aus der griechischen Kolonie Sybaris hier Poseidonia, das unter den Römern Paestum hieß.

Die Italiker waren die übrigen kleinen einheimischen Völker Italiens, die mit dem Lateinischen verwandte Sprachen sprachen, etwa die Osker und Samniten.

Fratte lag auf einem niedrigen Hügel am Irno, ungefähr vier Kilometer von der Flussmündung entfernt. Dort trafen die Wege in die kampanische Ebene, ins Landesinnere und zur Südküste zusammen. Die wichtigsten Nachbarn waren das etruskische Pontecagnano und das griechische Poseidonia.

Fratte entstand zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. und blieb bis zum Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. ein bedeutender Ort. Sein antiker Name ist unbekannt. Die Forschung hält Marcina oder Tyrseta für möglich.

Salerno in Süditalien. Die Olpe wurde in der Nekropole von Fratte auf dem Stadtgebiet gefunden. © OpenMapTiles · © OpenStreetMap contributors

Die Olpe lag in der Bestattung, die in der Fachliteratur als Grab 26/1963 oder 26/63 bezeichnet wird (der zweite Teil der Nummer ist das Grabungsjahr). Daneben stand weiteres Trinkgeschirr, darunter eine Schale und ein Skyphos, ein tiefer Weinbecher mit zwei Henkeln.

1987 veröffentlichte Pontrandolfo erstmals eine ausführliche Untersuchung der Inschrift. Später befassten sich Fachleute für griechische Dialekte, antike Literatur, etruskische Kultur und Sexualitätsgeschichte damit.

Die Olpe befindet sich heute im Archäologischen Provinzmuseum von Salerno.

Die Olpe wird in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Cerri setzte sie aufgrund der übrigen Grabbeigaben zwischen 480 und 460 v. Chr. an. Pollini datierte sie ins erste Viertel des Jahrhunderts, Vecchio 2025 in die Jahre 480–470 v. Chr.

Was verrät die Inschrift über Kampanien?

Für Pollini belegt die Olpe den engen Austausch zwischen den verschiedenen Völkern Kampaniens. Der Krug wurde in Poseidonia gefertigt und nach Fratte gebracht. Die Inschrift ist griechisch, die Namen sind griechisch, etruskisch und italisch.

Pérard sieht in der Inschrift einen typisch griechischen Witz mit einem nichtgriechischen Zug. Die griechischen Normen unterschieden danach, wo, wann und mit wem ein Mann sich Vergnügen erlauben durfte. Hier treten die Liebe zu Frauen und zu Männern und die Rollen „oben“ und „unten“ ohne Übergang in derselben Szene auf. Apollodoros ist sowohl der Begehrende als auch derjenige, in den eingedrungen wird. Pérard hält einen Einfluss der Etrusker oder Italiker für möglich, deren Sitten freier waren als die der Griechen.

Zwei Szenen mit Sex zwischen Männern im etruskischen Grab der Streitwagen

Warum kam die Olpe ins Grab?

Schließlich kam die Olpe mit den anderen Gefäßen ins Grab und blieb so bis heute erhalten. Vecchio vermutet, dass einer der in der Inschrift Genannten dort bestattet wurde. Das würde erklären, warum man ihm einen Krug mit vertrauten Namen mitgab. Wem das Grab gehörte, ist unbekannt. Auf dem Gefäß steht kein Name des Toten.

Auch ein religiöser Sinn ist nicht erkennbar. Weder werden Götter angerufen noch wird der Tod erwähnt. Es geht nur um Begehren und Sex.

Literatur und Quellen
  • Catull. „Gedicht 56“.
  • Plinius der Ältere. Naturalis historia [Naturgeschichte], 35.157. Zum Handwerker Vulca aus Veji.
  • Arena, Renato. „Appunti di onomastica greca [Notizen zur griechischen Namenkunde]“. ACME — Annali della Facoltà di Lettere e Filosofia dell’Università degli Studi di Milano 59, Nr. 1 (2006): 239–241. Zu Parmynis, S. 239.
  • Arena, Renato. Iscrizioni greche arcaiche di Sicilia e Magna Grecia [Archaische griechische Inschriften aus Sizilien und Großgriechenland]. Bd. 4, Iscrizioni delle colonie achee [Inschriften der achäischen Kolonien]. Alessandria: Edizioni dell’Orso, 1996. Inschrift Nr. 33.
  • Cerri, Giovanni. „Il carme 56 di Catullo e un’iscrizione greca di recente pubblicazione [Catulls Gedicht 56 und eine kürzlich veröffentlichte griechische Inschrift]“. Quaderni Urbinati di Cultura Classica, Neue Folge, 31, Nr. 1 (1989): 59–65. DOI 10.2307/20546979.
  • Dubois, Laurent. Inscriptions grecques dialectales de Grande Grèce [Griechische Dialektinschriften aus Großgriechenland]. Bd. 2, Colonies achéennes [Achäische Kolonien]. Genève: Droz, 2002. Inschrift Nr. 28, S. 72–73.
  • Greco, Giovanna, und Angela Pontrandolfo, Hrsg. Fratte. Un insediamento etrusco-campano [Fratte. Eine etruskisch-kampanische Siedlung]. Modena: Franco Cosimo Panini, 1990. Grundlegende Veröffentlichung der Funde aus Siedlung und Nekropole.
  • OpenMapTiles. „Attribution [Namensnennung]“. OpenMapTiles-Dokumentation.
  • OpenStreetMap. „Copyright and License [Urheberrecht und Lizenz]“. OpenStreetMap.
  • Pérard, Sophie. „Regards homoérotiques étrusques : une archéologie impossible ? [Etruskische homoerotische Blicke: eine unmögliche Archäologie?]“. Images Re-vues, Nr. 17 (2020). Zur Olpe, Abschnitte 14–20. Zur Hypothese von F. Lissarrague, Anm. 19. Zu Vulca, Anm. 18. DOI 10.4000/imagesrevues.7379.
  • Pollini, Airton. „Inscriptions grecques et les peuples italiques, quelques cas d’étude [Griechische Inschriften und italische Völker: einige Fallstudien]“. Heródoto 2, Nr. 1 (2017): 128–146. Zur Olpe aus Fratte, S. 139–140. DOI 10.31669/herodoto.v2i1.170.
  • Pontrandolfo, Angela. „Un’iscrizione posidoniate in una tomba di Fratte di Salerno [Eine poseidonische Inschrift in einem Grab von Fratte bei Salerno]“. Annali dell’Istituto Universitario Orientale di Napoli. Sezione di Archeologia e Storia Antica 9 (1987): 55–63. Erste der Inschrift gewidmete Veröffentlichung.
  • Robinson, Edward Guy Dalkeith. „Identity in the Tomb of the Diver at Poseidonia [Identität im Grab des Tauchers in Poseidonia]“. In Communicating Identity in Italic Iron Age Communities [Ausdruck von Identität in italischen Gemeinschaften der Eisenzeit], herausgegeben von Margarita Gleba und Helle W. Horsnæs, 50–72. Oxford: Oxbow Books, 2011. Zur Olpe aus Fratte, S. 65, Abb. 4.12.
  • Vecchio, Luigi. „Officina di IG XIV² – Una dedica per Herakles da Fratte (Salerno) [Werkstatt von IG XIV²: eine Weihung an Herakles aus Fratte (Salerno)]“. Axon 9 (2025): 93–106. Zur Siedlung und Olpe, Abschnitte 1–2, besonders Anm. 25. DOI 10.30687/Axon/2532-6848/2025/01/006.

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