„We Must Document Ourselves Now“ — Buch von Stephanie Andrea Allen über schwarze lesbische Kultur und Selbstrepräsentation
Monografie über Literatur, Film und Fürsorge schwarzer Lesben als Widerstand gegen Unsichtbarkeit.

Im Juli 2026 veröffentlichte The Ohio State University Press in der Reihe „Digital Media, Feminist Resistance“ die englischsprachige Monografie „We Must Document Ourselves Now“: Black Lesbian Cultural Legacies and the Politics of Self-Representation. Verfasst wurde das Buch von der US-amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Stephanie Andrea Allen.
Stephanie Andrea Allen ist interdisziplinäre Geisteswissenschaftlerin und Assistenzprofessorin für Gender Studies an der Indiana University Bloomington. Nach ihrer Promotion in Amerikanistik an der Purdue University widmete sie sich der Erforschung von Literatur, Film und Medienkultur schwarzer queerer Frauen sowie des Afrofuturismus und der spekulativen Fiktion. Allen verbindet akademische Forschung mit literarischem Schreiben und unabhängiger Verlegertätigkeit: Sie veröffentlichte zwei Erzählbände, gibt die Literaturzeitschrift Serendipity mit heraus und gründete 2014 BLF Press, einen unabhängigen feministischen Verlag, der sich Werken schwarzer, indigener und queerer Autorinnen widmet.
Der Titel der Monografie geht auf eine historische Losung aus dem Jahr 1978 zurück, die von den feministischen Denkerinnen und Aktivistinnen Barbara und Beverly Smith formuliert wurde: „Wir müssen uns jetzt selbst dokumentieren.“ Bei der Untersuchung kultureller Produktionen von 1974 bis 2020 zeigt Allen, dass das kreative Schaffen schwarzer Lesben weit mehr als künstlerische Reflexion ist: Es fungiert als radikale Selbst- und Gemeinschaftsfürsorge (self and community care), die der systematischen Verdrängung aus der Öffentlichkeit entgegenwirkt. Die Studie hebt drei Kernziele dieser literarischen und filmischen Texte hervor: die Lebensrealität schwarzer Lesben im Schnittfeld von Rassismus, Sexismus, Klassenungleichheit und Homophobie sichtbar zu machen, die Stigmatisierung lesbischer Identität als unzulässig aufzubrechen und durch Zeugenschaft emotionale Kontinuität zu stiften.
Das Buch rekonstruiert zentrale Phasen der Kulturgeschichte ab den 1970er-Jahren, als sich eine eigenständige literarische Tradition schwarzer Lesben formierte. Besondere Beachtung finden die Dichterin Stephanie Byrd und die Schriftstellerin Anita Cornwell, die mit Black Lesbian in White America (1983) die erste eigene Essaysammlung einer afroamerikanischen Lesbe veröffentlichte. Allen verdeutlicht, wie diese Autorinnen einen doppelten Emanzipationskampf führten: Sie widersetzten sich den konservativen Geschlechterrollen der Black-Power- und Black-Arts-Bewegung und deckten zugleich den Rassismus und die Klassenblindheit innerhalb der damaligen weißen Frauen- und Lesbenbewegung auf.
In den weiteren Kapiteln untersucht Allen den Beitrag schwarzer Lesben zur Akademisierung der Lesbian Studies sowie den Boom des queeren und feministischen Verlagswesens in den 1980er- und 1990er-Jahren. Kollektive wie Kitchen Table: Women of Color Press verschafften nicht-weißen Autorinnen bundesweite Aufmerksamkeit. Allen analysiert jedoch auch die anschließende Krise: das Schließen unabhängiger Frauenbuchhandlungen, die Marktkonzentration durch große Handelsketten und die Kommerzialisierung von LGBTQ+-Literatur, wodurch Bücher schwarzer Lesben erneut an den Rand des Vertriebs gedrängt wurden.
Der Schlussteil widmet sich dem unabhängigen Film und den digitalen Medien des 21. Jahrhunderts. Ausgehend von Cheryl Dunyes wegweisendem Werk The Watermelon Woman (1996) bis hin zu zeitgenössischen Webserien von Alexander King Films und der Plattform OpenTV entwickelt Allen ein theoretisches Verständnis für die Prekarität queerer Medienproduktion. Anhand von Archivrecherchen und Interviews betont sie, dass die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses schwarzer Lesben auch heute institutionelle Ausdauer, eigene Vertriebswege und die Anerkennung kreativer Praxis als befreiendes Instrument erfordert.






