„The Disappearers“ — Marlon James’ Buch über Gewalt, Erinnerung und Jamaikas queere Gemeinschaft
Der Roman untersucht eine Tragödie in Kingston, Auslöschung und schwules Überleben auf Jamaika.

Am 3. September 2026 veröffentlichte der britische Verlag Hamish Hamilton (ein Imprint von Penguin Books) den englischsprachigen Roman The Disappearers. Sein Verfasser ist der jamaikanische Schriftsteller Marlon James, der 2015 für sein Werk A Brief History of Seven Killings mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde.
Marlon James wurde auf Jamaika geboren, studierte an der University of the West Indies sowie am Wilkes College, lehrt kreatives Schreiben am Macalester College in Minnesota und lebt in den Vereinigten Staaten. Er zählt zu den herausragendsten englischsprachigen Gegenwartsautoren karibischer Herkunft. In der Vergangenheit hat James wiederholt über seine Jugend auf Jamaika und die erzwungene Emigration aufgrund des stark homofeindlichen Klimas reflektiert. Während sich seine früheren Werke mit der Sklaverei des 18. Jahrhunderts, den politischen Gewaltexzessen des Kalten Krieges und afrikanischen Mythen befassten, rückt der neue Roman erstmals die strukturelle Unterdrückung queerer Menschen in der karibischen Gesellschaft ins Zentrum.
Die Handlung setzt 1988 in Kingston ein. Acht schwule Männer treffen sich zum ersten Mal zu einem Casting und geheimen Proben für ein offen queeres Theaterstück — ein beispielloser und lebensgefährlicher Schritt angesichts der tief verankerten Intoleranz auf Jamaika im späten 20. Jahrhundert. Eine aufgebrachte Menge überfällt eine der Proben: Ein Mann wird an Ort und Stelle getötet, alle anderen werden schwer verletzt, und zwei Teilnehmer verschwinden kurz darauf spurlos.
Über mehrere Jahrzehnte hinweg folgt der Roman den Lebenswegen der Überlebenden und der Täter. James analysiert den gesellschaftlichen Mechanismus der gewaltsamen Auslöschung (erasure): Einige Überlebende versuchen, das Erlebte zu verdrängen, andere richten ihr Dasein auf Wut und Rache aus, während wiederum andere dauerhaft im Untergrund untertauchen oder die Insel verlassen. Das Werk entfaltet sich als vielschichtige Recherche, in der sich die Suche nach den Verschwundenen mit der Entlarvung institutioneller Scheinheiligkeit und Straflosigkeit verbindet.
Das Buch beleuchtet die Ursprünge und Zähigkeit jamaikanischer Scham- und Homophobiekulturen, die durch konservativen religiösen Dogmatismus und über Generationen tradierte koloniale Anti-Sodomie-Gesetze genährt wurden. Der Roman ist vielstimmig angelegt: James verbindet literarisches Englisch mit jamaikanischem Patois und fängt so den Klang und Rhythmus der Straße ein. Er verdeutlicht, dass angesichts von Auslöschung und physischer Zerstörung das Festhalten an kollektiver Erinnerung und Solidarität die stärkste Form des Widerstands bleibt.






