„Bisexuell werden“ — Ein Buch von Giuseppe Burgio über männliche Identität, Begehren und Biphobie
Eine Studie über männliche Bisexualität in Italien anhand von Lebensgeschichten und Pädagogik.

Am 31. August 2026 veröffentlichte der italienische Wissenschaftsverlag Mondadori Università in der Reihe Saggi Oltre die Monografie „Bisexuell werden: Geschichten von Männern, die viel lieben“ (Divenire bisessuali. Storie di uomini che amano molto). Verfasst wurde die Studie von dem italienischen Pädagogen und Sozialwissenschaftler Giuseppe Burgio.
Giuseppe Burgio ist ordentlicher Professor für Allgemeine und Sozialpädagogik an der Universität Enna „Kore“ auf Sizilien und gehört zu den profiliertesten italienischen Forschern auf den Gebieten der Gender-Pädagogik (pedagogia di genere) und der Männlichkeitsforschung (masculinity studies). Seit über zwei Jahrzehnten erforscht er die Sozialisation von Jungen, institutionelle Formen von Gewalt und homophobes Mobbing im Jugendalter als Instrumente zur Durchsetzung traditioneller Männlichkeitsnormen. Sein früheres Buch Fuori binario. Bisessualità maschile e identità virile zählte zu den wegweisenden Beiträgen der italienischen Wissenschaft, die männliche Bisexualität im Spannungsfeld viriler Rollenbilder analysierten.
Das neue Werk basiert auf einer qualitativen narrativen Analyse autobiografischer Berichte und ausführlicher Interviews mit Männern unterschiedlichen Alters aus verschiedenen Regionen Italiens, die sich auf unterschiedlichen Stufen der Reflexion ihrer Orientierung befinden. Burgio verknüpft diese lebensgeschichtlichen Zeugnisse mit aktuellen internationalen Erkenntnissen aus Soziologie, Sozialpsychologie und Queer-Theorie. Untersucht werden der Lebensalltag, erotisches Begehren, Liebesbeziehungen zu Männern wie zu Frauen sowie der komplexe Prozess der Identitätsfindung in einer Gesellschaft, in der Virilität noch immer ausschließlich mit Heterosexualität gleichgesetzt wird.
Ein wesentlicher Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der doppelten Stigmatisierung und der strukturellen Unsichtbarmachung (invisibilizzazione), von der bisexuelle Männer betroffen sind. Burgio analysiert die Dynamiken der Biphobie, die nicht allein von der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft ausgeht, sondern auch innerhalb der schwulen Community reproduziert wird, wo Bisexualität oft als Unentschlossenheit oder verdecktes Schwulsein abgetan wird. Das Buch beleuchtet die psychischen Belastungen des Abwägens zwischen Sichtbarkeit und Geheimhaltung sowie die Hürden beim Coming-out in Familie, Beruf und Freundeskreis.
Der Autor versteht seine Monografie ausdrücklich als Beitrag zu einer öffentlichen Pädagogik (pedagogia pubblica). Burgio zeigt auf, dass die Überwindung binärer Denkmuster über sexuelle Orientierung unerlässlich ist, um institutionelle Diskriminierung abzubauen und die politische Agenda der LSBTIQ*-Bewegung zu erweitern. Das Werk formuliert fundierte Ansätze für Bildungsprojekte, gesellschaftliche Initiativen und wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen, die den Rechten und konkreten Lebensrealitäten bisexueller Männer gerecht werden.






