„Cutting Edge“ — Daniel Gawthrops Buch über queere Kultur, Männlichkeit und Eishockey in Kanada
Eine Studie über Eishockey im Spiegel von Queerness, Männlichkeit und persönlicher Erfahrung.

Am 8. September 2026 veröffentlichte der kanadische Verlag Arsenal Pulp Press das englischsprachige Sachbuch und Memoir Cutting Edge: Hockey as Queer Culture („Auf scharfer Kufe: Eishockey als queere Kultur“). Verfasst wurde das Werk von dem kanadischen Schriftsteller, Essayisten und Journalisten Daniel Gawthrop.
Daniel Gawthrop lebt in New Westminster (British Columbia) und verbindet seit über drei Jahrzehnten publizistische Arbeit mit sportpolitischem Engagement. Er ist Autor von fünf Sachbüchern, darunter The Rice Queen Diaries und The Trial of Pope Benedict, sowie des Romans Double Karma. Gawthrop stand 1975 als Zwölfjähriger erstmals in einer Jugendliga auf dem Eis, zog sich jedoch später aufgrund allgegenwärtiger Homophobie und toxischer Männlichkeit in den Umkleidekabinen vom Sport zurück. Nach seiner Teilnahme an den internationalen Gay Games gründete er Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit dem Journalisten Kevin Griffin die Cutting Edges in Vancouver – eine der ersten queeren Eishockeymannschaften Kanadas. Das Team trat in einer regulären Amateurliga gegen heterosexuelle Mannschaften an und baute dort tief verankerte Vorurteile über schwule Sportler ab.
Das Buch verwebt persönliche Erinnerungen, sporthistorische Abrisse und soziologische Institutionskritik. Gawthrop zeigt auf, wie Eishockey über Generationen hinweg als Bastion eines weißen, heterosexuellen Machismo inszeniert wurde, in der physische Gewalt und Härte als nationale Tugenden galten. Der Autor erinnert dabei an eine prominente Episode aus seiner journalistischen Laufbahn: Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte er satirische Essays über die erotische Anziehungskraft des russischen Vancouver-Canucks-Stars Pawel Bure und kritisierte den Versuch des Managements, die „Russische Rakete“ ausschließlich als Idol für konservative Vorstadtfamilien zu vermarkten. Die Artikel schlugen hohe Wellen in den Medien, riefen Reaktionen von TV-Kommentator Don Cherry und der Zeitung The Village Voice hervor und führten zu Spott unter Bures Teamkollegen, bevor der Starspieler im Finale des Stanley Cups 1994 die Nerven verlor und eine Prügelei auf dem Eis auslöste.
Ein gewichtiger Teil der Untersuchung widmet sich den institutionellen Missständen des Profisports. Gawthrop analysiert die anhaltende Trägheit der National Hockey League (NHL), in deren 109-jähriger Geschichte sich bis heute kein einziger aktiver Spieler öffentlich geoutet hat, sowie jüngste Rückschritte wie das zeitweilige Verbot von Pride-Tape in den Trainingsphasen. Diese Verdrängung verknüpft er mit den Missbrauchs- und Misshandlungsskandalen beim Dachverband Hockey Canada und zeigt, wie traditionelle Seilschaften eine Kultur der Straflosigkeit aufrechterhielten.
Im Schlussteil des Buches skizziert Gawthrop Perspektiven für eine offenere Zukunft des Sports. Er verweist auf das Vorbild des professionellen Fraueneishockeys, in dem queere Sportlerinnen seit Jahrzehnten sichtbar und prägend sind, sowie auf die wachsende Zahl genderinklusiver Freizeitligen. Anhand des kulturellen Erfolgs der Fernsehserie Heated Rivalry verdeutlicht Gawthrop, wie Popkultur und zivilgesellschaftliche Initiativen neue Fangemeinschaften erschließen und Kanadas Nationalsport schrittweise modernisieren.






