„Cisgender: Disorienting a Category“ — Perry Zurns Buch über die Genealogie von Norm und Geschlecht
Kritische Genealogie des Begriffs Cisgender von den Gegenkulturen der 1990er bis heute.

Im Juli 2026 veröffentlichte der US-amerikanische Universitätsverlag Duke University Press das englischsprachige Buch Cisgender: Disorienting a Category des Philosophen Perry Zurn. Das Werk erschien in der renommierten Reihe ASTERISK: Gender, Trans-, and All That Comes After, herausgegeben von Susan Stryker, Eliza Steinbock, Jian Neo Chen und Marquis Bey. Es handelt sich um die erste umfassende genealogische Untersuchung in der zeitgenössischen Theoriebildung, die Entstehung, Verbreitung und begrifflichen Wandel des Konzepts „Cisgender“ minutiös nachzeichnet — einer Kategorie, die allzu oft als selbstverständliche Norm vorausgesetzt wird, vor deren Folie Transgeschlechtlichkeit definiert wird.
Perry Zurn ist Provost Associate Professor für Philosophie an der American University in Washington, D.C., Trans-Forscher und Aktivist mit den Schwerpunkten Sozial- und politische Philosophie, Erkenntnistheorie sowie Transgender Studies. Zuvor untersuchte er institutionelle Solidarität in How We Make Each Other: Trans Life at the Edge of the University und publizierte grundlegende Studien zur Philosophie der Neugier (Curiosity and Power, Curious Minds). In seiner neuen Forschungsarbeit verknüpft Zurn foucaultsche Genealogie, Archivfunde und persönliche Reflexionen, um das starre Binaritätsmodell von Cis und Trans aufzubrechen.
Ausgangspunkt der Studie ist die Kritik an der gängigen Definition von Cisgender als mühelose und reibungslose Übereinstimmung zwischen dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht und der gelebten Geschlechtsidentität. Zurn zeigt auf, dass dieses Bild einer widerspruchsfreien Anpassung an gesellschaftliche Geschlechternormen die tatsächlichen Aushandlungsprozesse und Brüche im Leben aller Menschen verschleiert. Anhand bisher unerschlossener Archive des Trans-Samisdat, Usenet-Foren der frühen 1990er Jahre und Zeitzeugengesprächen rekonstruiert der Autor eine facettenreiche Gegengeschichte des Begriffs: von den Gegenkulturen der Radical Faeries und des Queer-Punk über die deutsche Sexualwissenschaft von Volkmar Sigusch bis hin zu wegweisenden Texten von Emi Koyama und Julia Serano.
Die Monografie zeichnet den Weg des Begriffs von aktivistischen Rändern in den akademischen und gesellschaftlichen Mainstream nach. Zurn analysiert die Entstehung des Konzepts der „Cis-Privilegien“ und beleuchtet die theoretischen Kosten seiner Institutionalisierung. Er legt dar, wie Cisnormativität historisch mit kolonialer Gewalt und der Durchsetzung binärer europäischer Ordnungen verknüpft war, wie Cisness rassistisch über Weißsein konstruiert wurde und wie Crip-Theorie und Disability Studies das Ideal körperlicher Konformität herausfordern.
Indem Zurn aufzeigt, wo der Begriff fruchtbar zur Kritik geschlechtlicher Hegemonie beiträgt und wo er in reduktionistische Dichotomien abgleitet, plädiert er für ein offenes, bewegliches und desorientierendes Verständnis der Kategorie. Das Buch leistet einen wesentlichen Beitrag zur Queer-Theorie und Begriffsgeschichte moderner Geschlechtlichkeit.






