„Changing Gender“ – Susan Strykers Buch über den Begriff des Geschlechts, Trans-Geschichte und Kulturkämpfe
Susan Stryker untersucht die Ursprünge des Geschlechtsbegriffs und Angriffe auf Trans-Personen.

Am 25. August 2026 veröffentlichte der US-amerikanische Verlag Farrar, Straus and Giroux (Verlagsgruppe Macmillan Publishers) das englischsprachige Buch „Changing Gender“. Verfasst wurde das Werk von der US-amerikanischen Wissenschaftlerin, Historikerin, Filmemacherin und Mitbegründerin der Transgender Studies Susan Stryker.
Susan Stryker ist emeritierte Professorin an der University of Arizona, Gastforscherin an der Stanford University und Emmy-Preisträgerin für den Dokumentarfilm Screaming Queens: The Riot at Compton’s Cafeteria (2005), der den Aufstand von Trans-Frauen und Dragqueens in San Francisco im Jahr 1966 dokumentiert. Stryker gilt als Pionierin der akademischen Trans-Studien: Sie verfasste die maßgebliche Monografie Transgender History, gab die zweibändige Anthologie The Transgender Studies Reader mit heraus und gründete die wissenschaftliche Fachzeitschrift TSQ: Transgender Studies Quarterly. Ihr Manifest „My Words to Victor Frankenstein Above the Village of Chamounix“ von 1994 wurde zu einem Meilenstein der Queer-Theorie und begründete das Genre der Autotheorie, indem es die Würde von Trans-Körpern gegen Pathologisierung verteidigte.
Strykers neue Monografie verbindet Ideengeschichte, Kulturtheorie, Linguistik und autobiografische Reflexion. Anlass für das Buch war die drastische Eskalation der Kulturkämpfe und die Welle rechtlicher Angriffe auf die Rechte von Trans-Personen in den Vereinigten Staaten in der ersten Hälfte der 2020er Jahre. Angesichts der Instrumentalisierung des Schlagworts „Gender-Ideologie“ durch konservative Kreise geht Stryker einer grundlegenden Frage nach: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Gender“ sprechen, woher stammt dieser Begriff, und warum ruft der geschlechtliche Übergang solch vehemente Abwehrreaktionen hervor?
Stryker zeichnet die historische Genealogie des Begriffs nach. Ursprünglich eine grammatikalische Kategorie in der Sprachwissenschaft, wurde das Wort Mitte des 20. Jahrhunderts in Medizin, Sexologie, Psychologie und Soziologie eingeführt, um das biologische Geschlecht von erlernten sozialen Rollen zu unterscheiden, bevor es zum zentralen Werkzeug feministischer Kritik wurde. Das Buch beleuchtet überraschende historische Bezüge: vom Spottlied „Yankee Doodle“ des 18. Jahrhunderts, das Abweichungen von traditioneller Männlichkeit persiflierte, bis zur Phrenologie des 19. Jahrhunderts, die soziale Rollen anhand von Schädelformen begründen wollte. Anhand von Archivrecherchen analysiert Stryker zudem Deborah Heller Feinblooms Studie Transvestites and Transsexuals: Mixed Views (1976) sowie die frühen Ausschlüsse von Trans-Frauen aus feministischen Räumen im Boston der 1970er Jahre.
Ein wesentlicher Teil des Buches basiert auf persönlichen Beobachtungen der Autorin. Stryker schildert ihren Forschungsaufenthalt an der Stanford University im Frühjahr 2023, wo sie Gespräche mit Studierenden im queeren Campuszentrum QSpot mit dem Besuch einer Veranstaltung des extrem rechten Kommentators Matt Walsh kontrastiert. Sie verknüpft die Mechanismen der zeitgenössischen Anti-Trans-Panik mit Methoden digitaler Manipulation wie bei Cambridge Analytica und greift auf Klaus Theweleits Werk Männerphantasien zurück, das die Angst vor körperlicher Durchlässigkeit im Milieu der Freikorps der Weimarer Republik analysierte. Für Stryker fungieren Trans-Personen als Sündenböcke, auf die sich die Ängste einer Gesellschaft in Zeiten tiefgreifender epistemologischer Krisen richten.
Das Buch verdeutlicht, dass das Verändern von Geschlecht weit über persönliche Transition und individuellen Ausdruck hinausreicht. Für Stryker bedeutet ein Neudenken von Gender eine grundlegende Verschiebung dessen, was wir als menschlich begreifen und wie wir Wirklichkeit konstruieren. Indem es sich gegen starre binäre Zuschreibungen wendet, plädiert das Werk für das schöpferische Potenzial gelebter Vielfalt, körperlicher Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Solidarität.






