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„Bisexual, Christian, European“ — Ein Buch von Carol A Shepherd und José Calvo Tello über Glauben und Kirche

Eine Untersuchung über bisexuelle Christinnen und Christen in Europa anhand von Lebensgeschichten.

Buchcover des Buches „Bisexual, Christian, European“ herausgegeben von Carol A Shepherd und José Calvo Tello
Buchcover des Buches „Bisexual, Christian, European: Bisexual Christian Life Stories from Around Europe“

Am 21. Juli 2026 veröffentlichte der deutsche Wissenschaftsverlag transcript Verlag in englischer Sprache den Sammelband Bisexual, Christian, European: Bisexual Christian Life Stories from Around Europe. Herausgegeben und mitverfasst wurde das Werk von der britischen Wissenschaftlerin Carol A Shepherd und dem spanischen Forscher José Calvo Tello. Das Buch erschien im Rahmen der Reihe Queer Studies als Open-Access-Publikation mit Förderung durch das Programm NiedersachsenOPEN.

Carol A Shepherd ist eine britische Soziologin, Theologin und Aktivistin, die an der University of Winchester promovierte; ihre Forschung befasst sich schwerpunktmäßig mit den Erfahrungen bisexueller Gläubiger in kirchlichen Strukturen und übt Kritik an monosexuellen Normen im Christentum. José Calvo Tello ist Fachreferent an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, besitzt einen Doktortitel der Universität Würzburg im Bereich Digital Humanities und engagiert sich in europäischen queer-christlichen Netzwerken. Durch die Verbindung qualitativer narrativer Soziologie mit korpuslinguistischen Methoden widmen sich die Herausgeber einer Gruppe, die zwar die numerische Mehrheit innerhalb der LGBTQ+-Gemeinschaft bildet, im kirchlichen Diskurs und in den Queer Studies jedoch systematisch unsichtbar gemacht wird.

Im einleitenden Forschungsbeitrag analysieren Shepherd und Calvo Tello das Phänomen des „bisexuellen Löschens“ (bisexual erasure) sowie die Vorherrschaft des monosexuellen Binarismus — der Annahme, dass sich sexuelles Begehren ausschließlich auf ein Geschlecht richten könne. Um das Ausmaß dieser institutionellen Marginalisierung zu erfassen, nutzten sie Methoden der Digital Humanities und analysierten Textkorpora des Englischen, Deutschen und Spanischen (COCA, DWDS und CORPES XXI) sowie die Kataloge der British Library, der Deutschen Nationalbibliothek und der Biblioteca Nacional de España. Die quantitative Auswertung belegt, dass Homosexualität im religiösen Kontext um ein Vielfaches häufiger thematisiert wird, während Bisexualität in theologischen Beständen kaum katalogisiert ist, was Gläubige in eine doppelte Isolation drängt.

Den Hauptteil des Buches bilden 16 autobiografische Lebensgeschichten und Tiefeninterviews mit Gläubigen aus zehn europäischen Ländern: Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, den Niederlanden, der Schweiz, Schweden und Russland. Die Porträtierten gehören unterschiedlichen Konfessionen an, darunter der römisch-katholischen, orthodoxen, anglikanischen und lutherischen Kirche, reformierten und evangelikalen Gemeinschaften sowie der Metropolitan Community Church. Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte. Der erste behandelt Aktivismus und Kirchenpolitik — von Reformbemühungen in Schottland und England bis zu Erfahrungen einer Gläubigen in Russland unter konservativem Druck und Diskriminierung in Polen. Der zweite Abschnitt widmet sich der Identitätsfindung, späten Coming-outs, dem Weg eines Transmannes in Schweden zwischen Glaube und Geschlecht sowie der Überwindung verinnerlichter Biphobie.

Der dritte Abschnitt widmet sich Ehen unterschiedlicher sexueller Orientierung (Mixed Orientation Marriages, MOM), in denen ein Partner bisexuell und der andere heterosexuell ist. Die Berichte beleuchten Treue, Elternschaft, Offenheit in der Partnerschaft und kirchliche Ämter und bieten eine theologische Neulektüre des Schöpfungsberichts jenseits starrer Geschlechterdualismen. Der vierte Abschnitt beleuchtet soziokulturelle Unterschiede in europäischen Ländern und den Einfluss nationaler Kirchentraditionen auf gelebte Offenheit. Im Schlusskapitel formuliert Carol Shepherd eine „Theologie der gelebten Erfahrung“ (lived theology), die Bisexualität nicht als Mangel oder pastorale Krise begreift, sondern als theologische Gabe der Hoffnung, die dichotome Denkmuster aufbricht und das christliche Verständnis von Gnade, Inkarnation und Trinität bereichert.

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